Gedanken zur Notwehr

Den Blog "Gedanken zur Notwehr" möchte ich mit der Gretchenfrage der Notwehr beginnen:


Gibt es in der konkreten Situation ein milderes Abwehrmittel, um den gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff sofort und endgültig abzuwehren?


Eine weitere wichtige Frage ist oftmals auch die Gegenwärtigkeit des Angriffs: Liegt ein rechtswidriges Verhalten des Angreifers vor, das unmittelbar in eine Rechtsgutverletzung umschlagen kann, so dass durch das Hinausschieben der Abwehrhandlung entweder deren Erfolg gefährdet würde oder die Verteidigerin bzw. der Verteidiger das Wagnis erheblicher eigener Verletzungen auf sich nehmen müsste?

Kommentare 9

  • Gedanken zur Notwehr hinsichtlich Kants kategorischem Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“


    Dass gegenwärtige rechtswidrige Angriffe gegen Dritte oder gegen den Angegriffenen selbst im Rahmen der Notwehr nach § 32 StGB rechtmäßig abgewehrt werden ist in der Tat die Maxime, durch die jeder Mensch zugleich wollen kann, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.


    Auch die einzelnen Erfordernisse der Notwehr, z.B. die Wahl des mildesten Mittel sind die Maxime, durch die jeder Mensch zugleich wollen kann, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.



  • Wie im Blog-Kommentar am 08.01.21 ausgeführt verbessern eine Kampfkunst oder ein Kampfsport die Notwehrfähigkeiten nicht , sondern verschlechtern diese, wenn durch die Kampfkunst oder den Kampfsport das Ego aufblasen wird anstelle Bescheidenheit zu lehren.


    Hier nun ein Fall, bei dem ein berühmter Profi-Kampfsportler - möglicherweise weil ein Bargast seinen Whiskey nicht trinken wollte - diesem einen Schlag verpasste, was dann auch zu einem Gerichtsverfahren und einer Geldstrafe führte.


    https://www.theguardian.com/sp…0-over-dublin-pub-assault


    Auf den Videos, die den Vorfall zeigen, sieht man, dass hier ein paar Männer sehr besonnen reagierten und bei der Nothilfe für den älteren Mann vorbildlich das mildeste Mittel einsetzten, indem sie den Profisportler einfach wegzogen und dadurch schlimmere Verletzungen für das Opfer sowie schlimmere rechtliche Konsequenzen für den Angreifer verhinderten. Es war vermutlich großes Glück für den Profi, dass er leicht war, so dass er schnell und einfach von den Deeskalationsprofis weggezogen werden konnte. Ein 130 Kilo Angreifer hätte hier damit rechnen müssen, von anderen Bargästen, die für den alten Mann Nothilfe hätten leisten wollen, unsaft die reality-based irische Pub-Defence spüren zu müssen. Meine Vermutung wäre ohnehin, dass hier ein sehr zivilisiertes irisches Pub vorlag, bei dem alle Bargäste von der Queen herself Manieren gelernt hatten, denn in rauheren Pubs in rauheren irischen Gegenden würde wohl niemand es wagen, ältere Bargäste aus dem toten Winkel heraus mit einem Faustschlag anzugreifen, weil dort jedem klar wäre, welche not very nice consequences this would have.


    Man kann sich durchaus die Frage stellen, ob hier die Möglichkeit besteht, dass der Grund für den Schlag ein zu großes Ego war? Sicher beurteilen kann man das aus der Ferne natürlich nicht, man weiß ja auch nicht, welche verbalen Äußerungen hier gefallen sind. Selbst wenn das Opfer des Angriffs sich verbal im Ton oder im Inhalt des Gesagten vergriffen haben sollte, hätte es aber keinen Grund gegeben, hier einen Schlag auszuführen. Das haben die Richterinnen und Richter offenbar auch so gesehen, denn sie haben ja eine Geldstrafe gegen den Angreifer verhängt.


    Wer Kampfsport oder Kampfkunst betreibt, sieht leider immer wieder das sehr große Risiko des Aufblasens des Egos verwirklicht. Es ist zu befürchten, dass manche Trainerinnen und Trainer insofern keinen optimalen Job machen und kein hinreichendes Problembewusstsein aufweisen.

    Eine allgemeine wiederkehrende Frage, die sich immer wieder aufs Neue stellt, ist daher durchaus: Wurden und werden die Notwehrfähigkeiten bzw. Nothilfe-Fähigkeiten durch den Kampfsport oder die Kampfkunst erhöht? Oder wurden bzw. werden diese durch das Aufblasen des Egos reduziert?

    Mit "Notwehrfähigkeit" meine ich die Fähigkeit, den gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff auf einen Dritten oder auf sich selbst im Rahmen der Notwehr mit dem mildesten Mittel abzuwehren.


    Spannend ist in diesem Zusammenhang auch die Ambivalenz des Sparrings: Das Sparring kann Bescheidenheit und eine realitätsnahe Einstufung der eigenen Fähigkeiten lehren. Oder das Ego aufblähen und dadurch für die Nothilfe mehr schaden als nutzen. Auch hier kommt es stark auf die Trainerin bzw. den Trainer sowie auf die Persönlichkeit der Trainierenden an.


    Das Schöne und Gute an Kampfsport und Kampfkunst ist jedenfalls: Je besser man wird in der Kampfsport oder der Kampfkunst, umso mildere Mittel kann man mit Erfolg einsetzen, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff abzuwehren.


    Wichtig ist natürlich immer auch die Bewertung der Richterin oder des Richters vom mildesten Mittel. Aber zentral ist eben zusätzlich immer auch die Frage, die man sich selbst stellt, nämlich ob es ein milderes Mittel gibt, um den Angriff abzuwehren. Beides ist wichtig: Worin die Richterin/der Richter das mildeste Mittel sieht, um den Angriff abzuwehren. Und worin man selbst dieses mildeste Mittel sieht.

    Dass man sich selbst die Frage stellt ist nicht nur von der rechtlichen Seite her wichtig, sondern auch, um ein reines Gewissen zu behalten.


    Man fragt sich z.B. auch, welche Gewissensprüfung der Profisportler im obigen Beispiel sich auferlegte, als er einen alten wehrlosen Mann schlug?

    Und ob er sich schon vertief mit dem kategorischen Imperativ von Kant befasst hat?


    Das Verhältnis von Kants kategorischem Imperativ zur Notwehr wäre ein gutes Thema für den nächsten Blog-Eintrag der Gedanken zur Notwehr.

  • Um die beiden im Ausgangstext genannten beiden wichtigen Fragen der Notwehr (Frage 1: Ist die Abwehrhandlung das mildestes Mittel? Frage 2: Ist der Angriff gegenwärtig? ) und weitere Aspekte des Notwehrrechts zu illustrieren im Folgenden ein Praxisbeispiel der Notwehr aus der Schweiz:


    https://www.nzz.ch/zuerich/not…portler-godzilla-ld.15412


    Der NZZ Artikel enthält bedeutende Aspekte der Notwehr:


    1) Zunächst einmal ist zu beachten, dass das Notwehrrecht aufgrund des Erfordernisses der "Gebotenheit" beschränkt sein kann. Dann werden an das mildeste Mittel strengere Anforderungen gesetzt: Ein Beispiel liegt vor bei einer Ehe oder eheähnlichen Lebensgemeinschaft.

    Nicht geboten ist eine Verteidigungshandlung unter anderem auch dann, wenn die bedrohten Rechtsgüter zueinander in einem unerträglichen Missverhältnis stehen.


    Ob in der Schweiz bei einer Ehe oder einer eheähnlichen Lebensgemeinschaft aufgrund der Gebotenheit strengere Anforderungen an das mildeste Mittel gestellt werden entzieht sich meiner Kenntnis.


    2) Interessant ist der o.g. Praxisfall auch aus einem anderen Grunde.


    § 33 StGB besagt:

    "Überschreitet der Täter die Grenzen der Notwehr aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken, so wird er nicht bestraft".


    § 32 StGB lautet:

    Absatz 1: "Wer eine Tat begeht, die durch Notwehr geboten ist, handelt nicht rechtswidrig."

    Absatz 2: "Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden."


    Der Fall in dem NZZ Artikel würde nicht unter § 33 StGB fallen, obwohl man das vom Wortlaut des § 33 StGB ja denken könnte. Der Grund liegt darin, dass § 33 StGB nur dann Anwendung findet, wenn eine Notwehrlage objektiv gegeben ist. Nach den ersten drei Schüssen lag aber kein gegenwärtiger rechtswidriger Angriff mehr vor. Da nach den ersten drei Schüssen kein gegenwärtiger rechtswidriger Angriff mehr vorlag würde § 33 StGB nicht mehr eingreifen.

  • Die Gretchenfrage der Notwehr (Gibt es in der konkreten Situation ein milderes Abwehrmittel, um den gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff sofort und endgültig abzuwehren?) zeigt bereits, dass eine Kampfkunst oder ein Kampfsport die Notwehrfähigkeiten nicht verbessern, sondern verschlechtern, wenn diese das Ego aufblasen anstelle Bescheidenheit zu lehren.


    Mit aufgeblasenem Ego

    - würde ein(e) Kampfkünstler(in)/Kampfsportler(in) harmlose Situationen, die sich verbal deeskalieren lassen, nicht verbal deeskalieren können oder wollen und vielmehr zu einer Eskalation beitragen;

    - würde ein(e) Kampfkünstler(in)/Kampfsportler(in) vermeidbare Notwehrsituationen nicht vermeiden können;

    - würde ein(e) Kampfkünstler(in)/Kampfsportler(in) nicht effizient im Rahmen des § 32 StGB Nothilfe für Dritte leisten können;

    - würde ein(e) Kampfkünstler(in)/Kampfsportler(in) das mildeste Abwehrmittel meistens nicht finden können. Entweder weil sie/er gar nicht bestrebt ist, das mildeste Mittel einzusetzen oder weil sie/er an Selbstüberschätzung leidet.

  • Ein Kampfkünstler oder Kampfsportler, der sein Ego im Griff hat und nicht z.B. im Polizeidienst tätig ist, wird ohnehin § 32 StGB weit häufiger im Rahmen der Nothilfe d.h. im Rahmen der Hilfe für Dritte nutzen müssen als für sich selbst.

  • Vollste Zustimmung KAJIHEI zu Deinem Hinweis:


    "Bei einer entsprechenden inneren Einstellung ist Notwehr nur in extrem wenigen Fällen notwendig"


    Umso wichtiger, immer auch an der inneren Einstellung zu arbeiten. Das ist in der Regel anstrengender als die rein körperliche Seite des Trainings, aber auch nützlicher in allen Lebensbereichen.


    Und wenn man im Laufe der Jahre gut wird in seinem Kampfsport oder seiner Kampfkunst, dann genügen in den meisten Fällen auch sehr milde körperliche Mittel, um rechtswidrige Angriffe im Rahmen der Notwehr abzuwehren.

  • Ich weiß nicht wie es bei dir aussieht, aber ich hab reale Gefechte hinter mir wo es wirklich Spitz auf Knopf ging. Da noch die Zeit zu finden zu grübeln "Moment, ist es wirklich das mildeste Mittel" Bei harmloseren Situationen stellt sich die Frage auch nicht, Beleidigt mich jemand, dann las ich ihn stehen wie den Pudel im Regen. Provozieren im realem Leben wenn ich nicht will; probiere mal einen halbaufgeblasenen Medizinball in einen Basketballkorb zu werfen.

    Anders formuliert.

    Bei einer entsprechenden inneren Einstellung ist Notwehr nur in extrem wenigen Fällen notwendig, die meisten entstehen dadurch das man selber zu instabil ist und eine Angriffsfläche bietet. ( Passierte mir oft genug im internet weil ich da zu viele fehlende Parameter hatte )

  • @ KAJIHEI:

    Völlig richtig, Notwehr bzw. Nothilfe ist gerade für Kampfkünstler und Kampfsportler sehr "dünnes Eis".

    Aber gerade weil das Eis bei Notwehr und Nothilfe so dünn ist, muss man sich eben im Ernstfall immer die Gretchenfrage stellen, ob es in der konkreten Situation ein milderes Abwehrmittel gibt, um den gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff sofort und endgültig abzuwehren,


    Ein Kampfkünstler/Kampfsportler, der sich diese Frage nicht stellt bei einer Notwehrsituation, wird auf dem dünnen Eis einbrechen und dann kann sich seine Kampfkunst bzw. der Kampfsport als Eigentor erweisen.


    Wenn eine Kampfkunst mit Blick auf die Selbstverteidigung unterrichtet wird sind die Notwehrvorgaben auch maßgebend für die Unterrichtsgestaltung.

  • Mit einfachen Gedankenspielen begibt man sich bei dieser Thematik auf sehr, sehr dünnes Eis. Hier geht es um harte juristische Definitionen und Abgrenzungen.

    Siehe z.B: den § 33 StGB. Geht man danach, darf man aus Schreck über eine plötzliche Bewegung dem Anderen die Kuchengabel sonst wohin rammen, man ist entschuldigt. Ist dem aber wirklich so ?

    Na wohl weniger.

    Einfach mal die vorhergehenden Paragraphen und die folgenden zu Gemüte führen, incl der Entscheidungen im Anhang.

    https://dejure.org/gesetze/StGB/33.html

    Was kommt dabei raus ?

    Die Grenzen der Notwehr die akzeptiert wird sind verflixt eng, die Begründung muss schon wirklich glaubhaft und die Reaktion im Grunde genommen alternativlos gewesen sein. Alles andere; Willkommen Herr Staatsanwalt mit Strafbefehl.

    Für meine Begriffe ist das Gebiet zu tretminenhaft für Philosophie.

    Ich nutze da lieber den Paragraphenjungel.;)