kalte Liebe Japan

  • Die Tengus können mich mal...


    Ich habe es kommen sehen! Ein Wunder das ich nicht schon vorher auf die Fresse geflogen bin. Der Samstag präsentierte sich nicht von seiner besten Seite und es nieselte. Ab und an verdichtete sich der Niesel auch zu mal mehr mal weniger nervenden Regen. Das machte die Wege auf dem Takao-San - eine Mischung aus Fels, Lehm und den Wurzeln der Sicheltannen - zu einer recht rutschigen Angelegenheit.

    Den ganzen Aufstieg habe ich überlebt und jetzt den Weg runter kurz vor dem Biwa-Wasserfall, wutsch, lande ich auf den Hintern. Und ausgerechnet hier kommt uns noch ein Wanderer entgegen und fragt auch gleich, ob alles okay sei (übersetzte Tochter). Nix ist okay! Verletzter Stolz und ein dreckiger Hosenboden, mit dem ich nachher durch halb Tokio darf. Tochter versichert mehrmals, das man fast nichts sieht, aber ich glaube der kein Wort! Dabei hatte ich mir extra im Yakuo-in, dem Tempel der Bergdämonen, einen Tengu-Glücksbringer zugelegt. Mit Sicherheit werden die sich gerade vor feixen die Bäuche halten.

    Der Takao-San ist eins der wichtigen Ausflugsziele, wenn die Tokioter so schnell wie möglich ins Grüne wollen. Die Gegend markiert hier den westlichen Rand der Kanto-Ebene, denn ab hier wird es bergig. Hügelig würde erst mal besser passen, den der "Berg" Takao schafft nicht ganz 600 Meter. Und wer von Takaosanguchi zum Gipfel will, muss gerade mal etwa 270 Höhenmeter überwinden. Nichts dramatisches im alpinen Sinne, "fast" Rollator-geeignet, außer wenn´s nass ist.


    So und jetzt was für die Geschichts- und Schwert-Fans. Ganz in der Nähe des Takao-san liegt der Shiroyama mit den Resten der Burg Hachiojiseki. Vom Bahnhof Takao kann man auch hier hin wandern. Die Reste dieser Burg gehen auf eine Anlage der Hojo aus der Momoyama-Zeit zurück. Einen Vorläufer dieser Burg eroberten die Hojo hier Anfang des 16. Jhdt. von den Yamanouchi. Zusammen mit der 1495 eroberten Burg Odawara, welche westlich von Kamakura an der Bucht von Sagami liegt, bildete sie die wichtigsten Befestigungen dieses "Sue" Hojo-Clans. Dieser Clan hat im Grunde nichts mit den Regenten der Kamakura-Hojo zu tun, sondern ist ein typisches Beispiel einer Sengoku-Warlord Kariere. Ise Shinkuro war ursprünglich ein Gefolgsmann der Imagawa, dem es gelang, auf Grund von Fehden zwischen Zweigen der Uesugi-Familie (z.B. der Yamanouchi) Besitzungen in Sagami zu übernehmen (darunter die Burg Odawara). Von hier aus nahmen die Hojo weite Teile der Kanto-Ebene ein. Shinkuro verheiratete seinen Sohn mit einer Dame, welche sich von den Kamakura-Hojo herleitete. Da er nun ohnehin das Kernland der ehemaligen Kamakura-Hojo besaß, "restaurierte" er den berühmten Namen und "reklamierte" ihn für sich. Er starb als Hojo Soun 1519.

    Und was hat das mit Schwertchen zu tun? Odawara bildete einen strategisch wíchtigen Zugang vom Hakone-Gebirge zur Sagami-Bucht und der angrenzenden Kanto-Ebene. Damit war es eine wichtige Burgstadt und gleichzeitig das Zentrum der Sue-Soshu Tradition, vergleichbar mit Seki in Mino. Hojo Soun hatte diese Sue-Soshu Schmiede unter seiner Kontrolle.

    Und jetzt wieder zurück zum Takao und dem benachbarten Hachioji. Nach meiner Meinung ging Chikashige, Gründer der Shitahara Schule bereits schon zu Zeiten der Yamanouchi (um 1500) von Odawara nach Hachioji. Nach der "Übernahme" von Hachioji durch Hojo Shoun arbeitete dieser für die Hojo und wurde als Musashi-Masamune bekannt.

    Als Odawara durch Hideyoshi 1590 belagert wurde, zogen die Hojo auch die Garnison Hachioji zur Unterstützung Odawaras ab. Odawara hielt in der Vergangenheit Uesugi Kenshin und Takeda Shingen stand. Bei der Belagerung Toyotomi Hideyoshis und 200.000 Soldaten, sowie den Bau einer "Gegenburg über Nacht" gaben die Hojo schließlich auf. Die Gebiete der Hojo übergab Hideyoshi an Tokugawa Ieyasu und die Shitahara-Schmiede von Hachioji schmiedeten fortan in Diensten der Tokugawa. Eine Ironie der Geschichte, den die Shitahara-Leute produzierten im Auftrag der Tokugawa im wesentlichen Schwerter für die Auseinandersetzungen der Tokugawa-Allianz mit der Toyotomi-Allianz nach dem Tod Hideyoshis 1598 (Sekigahara 1600, Osaka 1614/15).

    Noch bis Mitte des 17. Jhdts. stammten viele Shitahara-Schmiede aus Hachioji, wurden aber ab der Kanbun-Zeit in Edo ansässig.


    Und mitten in diesen geschichtsträchtigen Gelände habe ich mich nun auf den Hosenboden gesetzt. Die vernünftigen Japaner nehmen ab der Talstation lieber eine Kabelbahn oder den Lift. Damit ist man in etwa 7 Minuten auf den Berg, oder wieder runter - ganz mit sauberer Hose.

    Nun schrieb ich Eingangs "der Samstag..." und im Grunde ist es keine gute Idee ausgerechnet am Wochenende den Takao zu besuchen. Auf die Idee kommen nämlich Myriaden von Tokiotern auch, weswegen der Takao ein Epizentrum für Tokios Wochenendausflüglern ist. Dank des bescheidenen Wetters hält sich der Verkehr auf den Wanderwegen in Grenzen, nur oben auf dem Gipfel "kollidiert" man dann mit den Kabelbahnbenutzern. Neben der Aussicht (fällt ja an dem Tag de facto aus, nix mit Fuji sehen) und den Fress-Ständen, gilt der Run der Besucher dem Yakuo-in. Die Tempelanlage ist wirklich sehenswert und geradezu gespickt mit allerlei grimmig aussehenden Tengu-Figuren. Der Tempel gehört der Shingon Ausrichtung des Buddhismus, einer sehr esoterischen Variante und durch eine recht magisch-asketische Prägung gab es Schnittstellen mit dem Shugendo und damit mit den Yamabushi. Das erklärt die vielen Tengu und diverse Veranstaltungen, wie dem Laufen über glühende Kohlen.

    Wir bevorzugen allerdings die Dangos vom "glühende Kohlen" Grill. Es waren die teuersten Dangos, welche ich in Japan vernascht habe, aber auch mit Abstand die Leckersten. Auf einmal ertönen Muschelhörner und das Stakkato einer großen Trommel. Drohend halten die Tengus Schwerter und riesige Keulen über die Bronzeköpfe. Mir richten sich regelrecht die Nackenhaare auf. Dann setzt die monotone Rezitation der Mönche ein, welche über Lautsprecher auch die Besucher beschallt. Tochter kauft ein Orakelspruch bei den Mönchen und opfert diesen den Göttern, auf das er wahr werde. Ich hatte mein Wunsch an die Götter ja schon in Kamakura im Engakuji hinterlassen, und wollte die Herrschaften mit einem neuen Anliegen nicht überlasten.

    Nach den Yakuo-in laufen wir an einer Allee von riesigen Sicheltannen vorbei. Wir erfahren, dass die Bäume bis zu 45 Meter hoch sind und bis zu 6 Meter Stammumfang besitzen. Die Bäume sollen bis zu 700 Jahre alt sein und stellen so etwas wie ein "nationales Gut" dar.

    Die Weicheier biegen jetzt zur Kabelbahn ab. Die, welche lieber auf dem Hintern zu Tale rutschen wollen, nehmen den Wanderweg Richtung Biwa-Wasserfall. dieser Wasserfall dient den Mönchen ihre Askese unter Beweis zu Stellen, in dem sie direkt unter dem Wasserfall meditieren. Als wir ankommen ist keiner der harten Kerle zu sehen, denen wird es wohl zu kalt und nass heute sein...

    Etwas weiter unterhalb komme ich an den Bach besser ran, um das größte Malheur aus der Hose zu waschen. Jetzt bessert sich auch meine Laune.

    Schließlich kommen wir unten an und treffen auf einen asphaltierten Weg, der zur Talstation führt. Vor der Talstation der Kabelbahn ist eine kleine Bühne aufbaut, auf der eine Dame ein Medley der Carpenters aus den 70gern zum Besten gibt. Die Sitzreihen davor sind äußerst spärlich besetzt. Wir stehen unter der Markise eines Andenkenladens und wippen mit den Schuhspitzen mit. Anschließend applaudieren mir artig zusammen mit den Angestellten des Ladens der Sängerin, was uns wiederum anerkennende Blicke und Lächeln der Belegschaft und ein Tengu-Anhänger für umsonst einbringt.

    Weiter unten werden wir die einzigen Kunden eines Ladens, der Oktopusbällchen anbietet. Wir müssen eine Weile warten, bis die Bällchen goldgelb-gebacken fertig sind. Sie sind etwas größer als Tischtennisbälle, mit Stäbchen eine Herausforderung, verdammt heiß, triefen vor Soße und sind undefinierbar ... lecker. Nun ist die Welt wieder in Ordnung.


    Zum Schluss noch was interessantes: am Bahnhof Takaosanguchi stehen überall Eimer mit Wasser und Bürsten rum, damit die rückkehrenden Wanderer ihre Schuhe säubern können. Dieser Service wird auch fleißig genutzt.

    Der Satsuma-Flüsterer

  • Also Sabiji, ich genieße sehr deine Ausführungen deiner wilden Begegnungen mit der Natur... und man stelle sich vor, nur wenige Zeit später steckt man wieder im bunten Betontummult der Großstadt. :thumbup:

    "Die Wahrheit versteckt sich oft hinter Lügen"
    Meins!! :D

  • Ja, die Gegensätze sind schon krass, besonders weil man oft an großen Umsteigebahnhöfen wechseln muss. Gerade Wochentags tangiert man auf dem Rückweg oft die Feierabend-Rushhour. Aber eigentlich ist immer Aktion. So ist man schnell wieder von Tokio gefangen.

    Der Satsuma-Flüsterer

  • Klein Edo...


    ...wird eine Ortschaft, anderthalb Stündchen mit den Öffis vom Zentrum Tokios entfernt, mitten in der platschflachen Kanto-Ebene in der Präfektur Saitama genannt: Ko-Edo.

    Genau genommen ist Ko-Edo eigentlich ein Viertel mit einigen Straßenzügen alter Lager- und Handelshäuser-Substanz in der Stadt Kawagoe. Und da Tokio so etwas nicht mehr besitzt und man sagt, genauso hat es vor 150 Jahren auch in Edo (früher für Tokio) ausgesehen, heißt dieses Viertel eben Ko Edo.

    Dieses Viertel ist ungemein beliebt bei Touristen und Ausflüglern, allen voran die Tokioter himself. Da bei einer 6 Tage Arbeitswoche die meisten Japaner am Sonntag auch wirklich frei haben, sollte man tunlichst vermeiden, an einem Sonntag dort hinzufahren.


    Also fahren wir an einen Sonntag dort hin.


    Naja, nicht ganz exakt dorthin, sondern - Achtung, ich versuch´s mal - zum Naritasan Kawagoe Betsuin Hongyoin. Auf dem Gelände dieses buddhistischen Tempels findet immer am 28. eines Monats der Kawagoe Antik-Markt statt. Und dieser 28. im April des Jahres 2019 ist unglücklicherweise ein Sonntag.


    Doch bevor wir uns ins Getümmel stürzen, muss ich etwas ausholen. Dieser Sonntag, an dem der Antikmarkt stattfindet ist gleichzeitig auch unser letzter voller Tag in Japan vor unserer Abreise. Am folgenden Montag haben wir nämlich keine Chance mehr, antike Schnäppchen zu ergattern. so hatte ich schon einige Bauchschmerzen vor diesem Sonntag.

    Warum?

    Tja, in den vergangen Tagen hatte ich diverse Möglichkeiten "Altes" zu erwerben. Wir hatten einige Antikläden dreckig gelatscht, nicht zu vergessen das Volksfest mit einigen Antik-Ständen vor dem Nationalmuseum. Auch waren die Preise vollkommen im Limit, doch durchringen konnte ich mich nie, irgendwas zu kaufen. Es fehlte immer irgendwie der letzte "Schnipp".

    Das nächste Problem war, das Tochter unbedingt sich noch Andenken mitnehmen wollte. Am liebsten eine Maske, ein Holzschnitt oder irgendwas anderes Volkskunsttechnisches. Doch in den Touristen-Fänger-Straßen wie der Nakamisedori in Asakusa standen mir die Haare zu Berge, was die Läden verramschen wollten. Reine Touri-Ware zu exorbitanten Preisen. Nee, meinte ich zu Tochter, mehr als ein Hunni für eine simple Holzschnitt-Kopie ist Blödsinn. Für den Bruchteil des Geldes müsstest wir was wirklich altes bekommen.

    So hoffte ich. Und so bündelte sich die Hoffnung ganz auf den Sonntag. Aber was wenn der Markt ausfällt. Und wenn nicht, woher soll ich wissen, dass dieser Markt nicht so was wie der 17. Juni bei uns in Berlin ist: heftige Preise und letztendlich auch nur ein Touri-Markt. Nichts für Schnäppchen-Jäger.


    Nun, der Reihe nach. Über den Beginn des Marktes gab das Internet sehr widersprüchliches her und reichte von 5:00 bis 9:00 Uhr. Die Homepage des Marktes versprach 5:00 Uhr. Ich wollte so früh wie möglich da sein. Also Sonntag auf letzten Drücker um 6:30 hoch, das Frühstückslokal gestürmt, zwei Onigiri ins Gewölbe gedrückt und dann zur U-Bahn nach Ikebukuro. von dort aus geht der Vorort-Zug.

    Wenn man denkt, man wäre nach Sieben recht alleine in der U-Bahn am Sonntag in Tokio - vergiss es. Wir waren froh, noch Sitzplätze zu ergattern. Der einzige äußerliche Unterschied zu den anderen Wochentagen: die Japaner sahen komisch aus, denn sie hatten Freizeit-Klamotten an. Vollkommen ungewohnt.

    Der Vorortzug ist vorerst recht leer. Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen präsentiert sich der Sonntag als unglaublich klarer Tag mit einem intensiv blauen Himmel und einer um die Wette strahlenden Sonne. Zusammen mit dem Sonntag ergibt das pro Station ein immer voller werdender Zug mit Ausflüglern.

    Ab und an geben Häuser und Vegetation für Sekunden den Blick auf den Fuji in der Ferne frei. Es verschlägt einem regelrecht die Sprache: nicht einen Fatz Wolke umhüllt den noch tief verschneiten Vulkan, dahinter die azurblaue Leinwand des Himmels. Vor ein paar Tagen standen wir direkt vorm Fuji und haben nichts gesehen und später nur ein Teil, als etwas Wind die Wolken vertrieb. Ich beneide die Leute, deren Ziel Heute der Vulkan ist.

    Der Satsuma-Flüsterer

  • Als wir in Kawagoe aussteigen, treibt uns die App zum Busbahnhof, denn in 3 Minuten soll es weitergehen. Wie abgeklärte Profis stürmen wir den bereitstehenden Bus und ab geht´s. Argwöhnisch vergleiche ich die angezeigten Haltestellen mit der App, nee, passt, wir sind richtig. Nur etwa 5 Stationen weiter steigen wir in einer menschenleeren Wohngegend aus, in der wir nicht tot übern Zaun hängen wollen. 7 andere Leute sind ebenfalls ausgestiegen, 2 entscheiden sich für das über den Zaun hängen und 5 streben in eine Richtung, die Ich und mein Handy-Navi auch favorisieren. Also einfach hinterher dackeln. Eine Ampel. Weit und breit nichts. Imaginäre Büsche rollen über die Straße. Wir und 5 Japaner warten artig, bis wir laufen dürfen.

    Nach 150 Metern die erste Ahnung, dann Gewissheit: an einem Seiteneingang zum Tempelgelände drängen sich die ersten Stände und ich staune nicht schlecht, der Markt bereits verdammt gut besucht. Das erste "überfliegen" der Angebote bringt Erleichterung, alles was das Japan-Antikherz begehrt. Wir sondieren erstmal die Stände und ich gebe meiner Tochter Empfehlungen ...ach guck mal hier...und das ist toll... ja der Preis ist wirklich gut ... tolle Masken...usw.

    Dieser Sondierungsluxus entpuppte sich als gewaltiger Fehler. Nachdem wir im zweiten Durchgang ausgesuchte Favoriten einsammeln wollen, waren gut 50% der Stücke bereits weg. Aha, der Markt erinnert mich an den alten Bermondsay Market in den 90ern von London. Ein reiner Sammler und Händler Markt. Da war um 9:00 der Zug meistens längst abgefahren. Also Taktik geändert. Ich erteile Tochter regelrecht Befehle, bestimmte Sachen sofort zu kaufen. Meistens gehorcht sie, manchmal ziert sie sich den Händler zu fragen. Dann werde ich energisch: wenn Du dass nicht mitnimmst, dann ist es weg. Preis und Qualität stimmen, mach es! Mit erfahrenen Blicken fische ich die Schmeckerchen aus den Angeboten, die für Tochter in Frage kommen. Die Highlights sind ein antiker Reiseschrein mit einem Jizo-Bosatsu, eine tolle alte Shishi-Maske aus Holz mit Original Holzbox, sowie eine schöne und grimmige Kagura-Maske. Auch ihren Holzschnitt bekommt sie, natürlich mit Fuji, irgendwie zwischen späte Meiji bis frühe Showa einzuordnen für umgerechnet keine 5 Euro.

    Bald hat Tochter Rucksack und Beutel voll, nur ich habe nichts. Intensiv schaue ich mich noch mal um. "fachsimple" in einer Mischung aus englisch und jap. Fachausdrücken mit Händlern. Was mir gefällt ist natürlich teuer, zu teuer, oder zu groß, oder zu schwer. Bei einem netten Händler muss ich bei einer ebenso netten Ko-Sukashi Tsuba zweimal nach den Preis fragen. Bei dem geforderten Witz-Preis muss ich auch nicht mehr mit meinem schlechten Gewissen diskutieren. Gekauft!

    Nach 3 Stunden sind wir echt geschafft. Wir machen Schluss, Ziel erreicht, Tochter happy, ich auch.


    Ein kurzes Markt-Resümee: im Vergleich zu deutschen Antikmärkten sind die Waren hier größtenteils ausgepreist. Auch habe ich den Eindruck, dass die Anbieter ungerne handeln und schon gar nicht um den Preis feilschen wollen. Auch würde ich nicht empfehlen, Stücke schlechter zu machen, um Preise zu drücken. Da gehen schnell Jalousien runter. Wenn einem der Preis nicht passt, dann eben nicht. Des Weiteren war ich immer wieder erstaunt, das Händler keinesfalls überrascht sind, wenn man sich als Gaijin auskennt. Im Gegenteil, sie freuen sich eher. Sie honorieren es auch, wenn man Stücke eher lobt. Tochter war total glücklich über den kleinen Jizo-Schrein. Es war ihre teuerste Erwerbung und sollte 11.000 Yen kosten, also etwa 95 Euro. Da ihre Ohren besuch bekamen, ihre Augen leuchteten und nach einem Jahr Japan sich stilecht beim Händler bedankte, rief der sie nach einen kurzen Augenblick zurück als wir schon am Gehen waren, und gab ihr 2.000 Yen zurück! Jetzt freuten sich beide um die Wette.

    Es gibt aber auch Händler, welche sich mit uns Gaijin schwer tun. Das ist mir auch in den vergangenen Tagen ab und an aufgefallen. Es äußert sich dahingehend, dass man schlicht ignoriert wird. Man konnte unmittelbar vor dem Händler stehen und unmissverständliches Interesse für etwas zeigen, aber der gegenüber kramte dann umständlich irgendwo in seinen Sachen rum oder guckte demonstrativ in jede mögliche andere Himmelsrichtung. Man musste dann Gaijin-typisch hartnäckig bleiben bis der arme Händler aufgab und einsah, das es besser war uns zu akzeptieren. Den Grund dafür sehe ich im wesentlich die Sprachbarriere. Denn wie gesagt, auch englisch ist hier absolut Mangelware.

    Aber es gab auch das Gegenteil. Bei einen Händler schaute ich mir eine ganze Reihe Stichblätter an. Hervorragende Stücke, zum Teil mit sehr alten Origamis (Gutachten) aber jenseits meines Budgets. Er schnatterte munter irgendwas, ich laberte einen Brei aus englisch, gespickt mit jap. Fachausdrücken. Er und ich hätten auch von grünen Elefanten mit lila Punkten erzählen können. Dann stellte er doch eine direkte Frage, hilfesuchenden Blick meinerseits zur Tochter...er fragt, ob ich deine Tochter bin. Hai, hai, watashi wa Chichioyadessss mit Fingerzeig auf Tochter radebreche ich zurück. Gruppenfreuen ist angesagt.


    Was machen wir jetzt? Nach Ko-Edo, wenn wir schon mal hier sind. Aber in der Nähe soll ja noch das Kawagoe Honmaru sein, das Kawagoe-Schloss. Kawagoe war mal eine begehrte Gegend und es gab sogar eine berühmte Schlacht im 16. Jahrhundert hier, als die Hojo den Uesugi die Burg abluchsten. In der Edo verwalteten die wichtigsten Vasallen der Tokugawa (Sakai, Hotta, Matsudaira, Matsui) die Burg von Kawagoe. Das was aber Heute noch davon übrig ist, ist mehr oder weniger recht übersichtlich. Im Grunde ist es eine im 19 Jahrhundert wieder errichtete Residenz. Wir haben uns durch die meist leeren Räume schieben lassen und waren 15 Minuten später wieder draußen. Na. dann auf zum Ko-Edo Viertel. Verlaufen war unmöglich, den ein steter Menschenstrom wies uns den Weg. Auch die Straßen waren mittlerweile voll mit Autos.

    Das Viertel ist sicherlich sehenswert. In den alten Holzhäusern sind allerlei Geschäfte mit Kunstgewerbe und Leckereien, welche ganz auf die vielen Besucher abzielen, die hier bummeln wollen. Doch von "bummeln" kann Heute keine Rede sein. Myriaden von Leuten quetschen sich durch die antiken Straßen und Gassen. Das Wetter und der Sonntag lassen grüßen. Mit "angezogenen Beinen" lassen wir uns einmal ums Karree "tragen", futtern ein paar salzige Dangos und beschließen fluchtartig das Gelände zu verlassen. Es soll ja hier noch den Kita-in Tempel mit sehenswerten Garten geben, nur weg von hier! Lustiger Weise lotst uns die App wieder in die Richtung aus der wir gekommen sind. Nach 15 Minuten kommen wir wieder am Antikmarkt vorbei, der Tempel den wir suchen befindet sich in unmittelbarer Nähe "unseres" Antikmarkt-Tempels. Den Ausflug in den Gedränge-Irrsinn hätten wir uns echt klemmen können. Hier sind zwar Leute, aber es herrscht entspannte Ruhe. Wir machen erstmal vor dem Kita-In im Schatten schlapp und mir kommt eine Idee. Ich besorge meiner Tochter eine Portion Oktopus-Bällchen und bitte sie zu warten. Dann eile ich noch mal schnell auf den Antikmarkt um die Ecke und erwerbe doch noch ein Hagi-Chaire, was ich früh ein paar mal in der Hand hatte, mich aber nicht überwinden konnte. Mein zaudern hatte sehr wohl einen Grund, den der Deckel des Teepulver-Gefäßes ist aus Elfenbein. Der ist zwar alt und antik, aber mach das mal unseren Zollbeamten klar. Ich gehe also ein Risiko ein.

    Wieder zurück hat Tochter nur ein Bällchen übrig gelassen und die anderen in ihrem Bauch versteckt. Wir raffen uns hoch und schlendern zum Eintrittskartenhäuschen des Gartens, welchen wir uns anschauen wollen. "Zwei Erwachsene bitte!". Ein etwa 80jähriger Opa mustert uns kurz und hält vor unseren baffen Gesichtern einen Vortrag in besten Deutsch, dass wir für nur wenige Yen mehr uns das gesamte Tempelgelände nebst Gebäude angucken können. Nur müssten wir die Tickets an einem anderen Häuschen direkt am Tempel kaufen. Wir bedanken uns artig, loben das gute Deutsch und schleppen uns in Richtung besagten Häuschens. Und mit jeden Schritt verlieren wir immer mehr Motivation uns hier noch so viel Kultur anzutun. Nicht weil wir plötzlich zu Kulturbanausen mutiert sind, sondern wir denken mit Unbehagen an die Massen im Ko-Edo Viertel und der damit verbundenen, irgendwann im Laufe des Nachmittags einsetzenden Rückreisewelle. Schließlich müssen wir noch unsere Räuberhöhle im Hotel aufräumen und unsere Koffer abreisefertig machen. Auch wollte ich noch zum Sakura-Mon am Gelände des Kaiserpalastes in Tokio.

    Wir verzichten auf den Bus und genießen für die rund 40 Minuten zum Bahnhof das schöne Wetter und kommen stressfrei nach Tokio zurück.

    Der Satsuma-Flüsterer

  • Deine Reisebeschreibung ist richtig schön aus dem Leben gegriffen,

    schade, dass Du damit jetzt schon so kurz vor der Heimfahrt angekommen bist,

    ich hätte gerne noch viel mehr gelesen.

    Aber was die Zollbeamten zu dem Elfenbeindeckel gesagt haben,

    möchte ich schon noch wissen ...

    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Mister Kato auf dem Sofa und das Foto, welches nie geschossen wurde


    Ich habe lange überlegt, ob ich dazu was schreiben soll. Letztendlich will ich ja auch niemanden kompromittieren. Also wird folgende kleine Geschichte eine absolut rein fiktive Geschichte sein. Ähnlichkeiten zu realen Personen und Orten bestenfalls reiner Zufall. Ich schwöre!

    Einige werden nur Bahnhof verstehen, die Bescheidwisser werden aber Bescheid wissen.


    Ida und Kaji hatte ich ein Foto versprochen. Seit einiger Zeit beschäftigen wir uns intensiv mit einem Spiel Herrn Katos (fiktive Geschichte -> fiktiver Name), und ich habe gesagt, wenn ich bei Herrn Kato vorbei komme, mache ich ein Foto! Vorweg, zu dem Foto ist es nicht gekommen. Hätte ich die Aktion eher am Ende unseres Aufenthalts gemacht, wer weis, dann hätte ich das Gruppenfoto einfach eingefordert.


    Noch in Deutschland bin ich schwachgeworden. Ein Stichblatt (Tsuba) auf Herrn Katos Seite flehte mich an, gekauft zu werden. Und wenn mir mal was gefällt, wie soll es auch anders sein, wollen es andere auch haben. So musste ich mich das erste mal auf Herrn Katos Auktionsseite mit Anderen rum zanken.


    Erzankte Stücke müssen innerhalb einer kurzen Frist bezahlt werden. Versand ist im Endpreis enthalten. Ich schrieb Herrn Kato an und meinte, ich würde das Stück nächsten Monat persönlich abholen. Nebenbei fragte ich nicht ohne Hinterlist, ob der Preis so bliebe, da ein Versand ja dann nicht notwendig würde. Aber "Neeiiiin" hieß es prompt, "das wäre ja unfair den anderen Bietern gegenüber". Obwohl mich das Elend der Verlierer kalt ließ, generös mimte ich Verständnis. Ich bat noch darum ein anderes Stück sehen zu wollen, sollte dies noch zur Verfügung stehen, wenn ich vorbei komme. Logo kam als Antwort, ich solle nur sagen, wann ich genau komme.


    Das teilte ich ihm 3 Tage vorher mit. Ich hatte nachgeschaut, 18:00 Uhr macht er zu. Wie lange werde ich brauchen? Ein Stück nur abholen, ein Blick auf ein Zweites - 15, maximal 20 Minuten? Also schrieb ich, dass meine Durchlaucht gegen 17:30 einschweben wird. Mit 17:30 meine ich auch 17:30, bin ja schließlich Preuße. "Neeiiiiin" kam postwendend, da man ja um 18:00 schließe, würde 17:30 in keinem Fall funktionieren!!! Ich musste prompt an die Prenzelberger Schwaben hier in Berlin denken. Die 25 Minuten nach Ladenschluss flanierend vom Verkaufspersonal sensilbelst darauf hingewiesen werden, dass unglücklicherweise der Laden längst geschlossen sei, und dafür was von Service-Wüste Deutschland an den Kopf geknallt bekommen.

    Na gut flunkerte ich, meine Lichtgestalt wird den Laden dann eben zwischen 16:30 und 17:00 Uhr erhellen. Das stieß auf Wohlgefallen.


    Inzwischen war es Nachmittag in Tokio. Tochter erinnert zum wiederholten mal, ich möge doch mein Termin nicht verpassen. Ich aber habe es nicht eilig. Inzwischen bin ich tiefenentspannt. "Gestern" früh bin ich in Berlin aufgestanden, seitdem habe ich nicht geschlafen. Täuscht das, oder warum sind die Wolken hier so rosa und haben Gesichter? Ich meinte zu Tochter, solange nicht Godzilla gerade durch Yoyogi latscht, sollte sie sich keine Sorgen machen.

    Erstmal frisst uns die Berufsverkehr-U-Bahn (stimmt nicht: JR-Line ist S-Bahn, aber das wusste ich zu der Zeit noch nicht) und spuckt uns in den siebziger Jahren wieder aus. Das erste Mal bin ich einigermaßen entsetzt. Erhaltungstechnisch wetteifert die Ecke mit abgehalfterten Kiezen von Neukölln oder Wedding. Viele marode Fassaden werden von riesen Werbetafeln zusammengehalten. Ein Fitness-Studio wirbt mit Öffnungszeiten von 5:00 bis 26:00 Uhr. In Japan ticken die Uhren anders.


    Der Weg ist kein Problem, über die Straße, links halten, dann links um die Ecke und ratz fatz steht man vor Herrn Katos Refugium, dass den Scharm eines Schuhkartons versprüht. Also rein in die gute Stube und sogleich fühlt man sich in einen Cowboy versetzt, der den Saloon einer fremden Stadt betritt. Ein Gespräch verstummt augenblicklich. Links im Saloon, äh Laden, befindet sich eine Sitzgruppe. Darin lungert ein Kunde (?) und Herr Kato. Neben der Sitzgruppe stehen 2 Damen, eine älter, eine jünger an Jahren. Den Zugang zur rechten Seite des Ladens verhindert eine thekenhohe Vitrine. Das "Gelände" dahinter ist ziemlich "zugekramt". Auf der Vitrine liegt ebenfalls allerlei Zeugs, darunter eine angerostete Jumonji-Yari, und gibt nur teilweise den Blick in die Vitrine mit allerlei Stichblättern frei. Da ich kein Spucknapf sehe, beschränke ich mich auf meine Ansage. Konichiwaaa, der Rest ist englisch, anstatt Bourbon verlange ich die Stichblätter. Obwohl Herr Kato besonders von seiner internationalen Kundschaft lebt und wir ja angemeldet sind, habe ich eher den Eindruck, als ob die vier Augenpaare gerade zwei Außerirdische mustern. Während einer folgenden Schweigeminute überlege ich, ob mein Englisch wirklich so grottig ist. Doch dann regt sich Herr Kato und raunt der jüngeren Dame etwas in der hiesigen Sprache zu. Diese unterstreicht die mehreren geäußerten "hais" mit Nicken und verschwindet durch eine Hintertür. Anstatt Whiskey bietet uns Dame Nummer 2 Tee an. Obwohl ich sonst so gut wie nie grünen Tee trinke muss ich zugeben, dass wenn ich den in Japan getrunken habe, dieser unheimlich gut tut und neue Lebensgeister weckt.

    "Hai, dozooo..." Dame 1 ist aus der Tiefe des Schuhkartons wiedergekehrt, offeriert mir die gekaufte und die zu begutachtende Tsuba, dazu legt sie die entfalteten NBTHK Papiere auf den kramfreien Bereich der Thekenvitrine, welche damit vollends bedeckt ist.

    Tochter hats gut, die schlürft ihren Tee neben Herrn Kato in der Sitzlandschaft, der inzwischen wieder mit dem anderen Japaner parliert.

    Ich muss stehen, nippe abwechselnd Tee und beäuge die Stichblätter. Tsuba 2 ist nett. Nett ist so ein Begriff. Wenn Kaji zu einem Schwert "nett" sagt, rangiert die damit bezeichnete Qualität mit ach und krach über dem "Klobürsten-Level". Ganz so ist es hier nicht. Das Tsuba ist wirklich nett. Aber ich hadere damit, dafür wirklich Geld auszugeben. Keine Frage, sie ist es wert. Hoan, nicht ganz früh, aber plusminus 1650. Unsigniert, aber einem Schmied zugeschrieben. Aber es macht nicht klick bei mir.

    Dann fällt mir was ein: da war doch erst vor kurzem was neues dazu gekommen...ich frage danach. Nummer 1 verschwindet wieder im hinteren Schuhkarton und kehrt mit besagtem Tsuba und entblätterten Papier zurück. Engelchöre jauchzen, ich bin verzückt, Schlafentzug und wer weiß welche Kaufdrogen im Tee waren, tun ihr übriges. Meine Begeisterung steckt die beiden Damen an. Gemeinsam bewundern wir das Stück und überhäufen es mit Lob.

    Tochter schlürft Tee, Herr Kato labert ungerührt mit Sitzgruppen-Kunde.

    "Die soll es sein! Nein, nicht alle drei! Diese, dafür die andere nicht! Ja, die andere sowieso" Es dauert etwas mit der Verständnis-Salat, was aber zu allgemeiner Heiterkeit führt. Wie wollen Sie bezahlen? Karte? Nöö, bar. Beide Damen verfallen in Hektik, suchen nach Verpackungen. Aber ich habe doch einen Rucksack bei! Neiiiin, alles muss säuberlich verpackt werden. Ich bekomme sogar eine "Herr Kato-Tüte" (ich überlege gerade, wo die gelandet ist). Allgemeine Betriebsamkeit.

    Tochter schlürft Tee, Herr Kato labert ungerührt mit Sitzgruppen-Kunde.

    Beide Damen beginnen in holprigen Englisch ein Gespräch. Ja, das ist meine Tochter ..."kawaiiii!"... sie hat ein Jahr in Japan gearbeitet "sugoooiii!"...auf einer Farm und in einem Bärenschutzprojekt ....eeeeehh?...und das ich sie hier abhole..."sugoooiii!"

    Tochter hat Tee inzwischen alle, Herr Kato quasselt weiter mit Sitznachbar. Ich nicke ihr zu und sie hievt sich aus den Niederungen des Sofas hoch und lässt Herrn Kato darin allein zurück.

    Der labert weiter.

    Die Damen begleiten uns schwatzend zu Tür. Ich überlege ernsthaft, mich nur von den Damen zu verabschieden und Herr Kato nebst Sofa einfach nur Herr Kato und Sofa sein zu lassen. Ich entbiete dann doch noch meinen Abschied zur Ikea-Gruppe. Kurze Unterbrechung - man grüßt zurück - und plaudert weiter.

    Inzwischen bin ich überzeugt, dass die Damen den Laden schmeißen und Herr Kato und Sitzgruppe zum Inventar gehören.

    Beide Damen bringen uns bis vor die Tür und verbeugen sich immer wieder. Ich wollte doch noch ein Foto machen...nach 50, 60 Meter des Wegs frage ich meine Tochter, ob die Damen wieder drin sind. Tochter dreht sich um und verbeugt sich, nee die schauen uns immer noch nach. Das geht so bis wir abbiegen.

    Leider kein Foto.

    Der Satsuma-Flüsterer

  • Die Kappas von Asakusa

    ...und da soll es ein Viertel geben wo es nur Küchenmesser gibt..

    Das war eine Antwort von Koga, als ich im Vorfeld noch Inspirationen für Tokio suchte. Irgendwie hatte ich von der "Kappabashi" schon mal gehört, dass jeder Kochlehrling in dieser Straße sein Handwerkszeug besorgen soll. Aber lohnt es sich um die halbe Welt zu reisen, um eine Straße voller Küchenzubehör-Läden zu besuchen?


    Schuld daran die Kappabshi zu besuchen war eine der ältesten und bekanntesten Einkaufsstraßen Tokios, so man sie so nennen kann, die Nakamise-Dori. Die Nakamise-Dori ist eine 250 Meter lange Touristenabzocke, die schnurgerade zwischen dem Kaminari-Tor und dem Hózó-Tor auf den Sensoji-Tempel zuläuft. Diese Shopping-Mall soll es schon Anfang Siebzehnhundert-Hosenknopf gegeben haben, als der Tempel Händlern erlaubt, am Zugangsweg Läden zu eröffnen. In der Meiji sollte diese Straße weichen, um mit westlicher Architektur vom Aufbruch Japans in die Moderne zu künden. Dagegen hatte aber das große Kanto-Erdbeben in den 20gern etwas und nach dem 2. Weltkrieg wurde die Nakamise-Dori letztendlich so wieder aufgebaut, dass sie etwas edozeitliches Flair vermittelt.


    Ganz in der Nähe hatte Tochter während ihrer Anfangszeit in Tokio in einem Kulturzentrum mal einen Tanz- und später einen Shamisenkurs gehabt. Sie kannte die Läden und wollte hier noch einige Andenken kaufen. Bei Tochters Papa dagegen konnte der Funke nicht überspringen, denn die Andenken-Meile ist einfach zu offensichtlich auf die hier in Massen auftretenden Touris ausgelegt. In vielen Shops wiederholt sich das Angebot schlicht und die Preise sind nicht ohne. Mit zunehmenden Gedränge wuchs bei mir der Frustpegel. Als Tochter nun in einen dieser Shops nach Essstäbchen ausschau hielt, kam mir plötzlich eine rettende Idee: ist diese Kappabashi nicht auch in Asakusa? Wenn schon Essstäbchen, dann lass´ uns die doch in "der Küchenstraße" kaufen! Da gibt es mit Sicherheit Läden nur mit Essstäbchen.


    Ganz unrecht will ich der Nakamise auch nicht tun. Zwischen Nepp und Kitsch gibt es natürlich solide Mitbringsel, nur findet man die, wem wundert's, woanders günstiger. Es gibt hin und wieder auch Läden, welche sehr hochwertige Sachen anbieten. Als ich ein Laden mit traditionellen Lackwaren und Schildpatt-Einlegetechniken entdeckte, sind wir auf Zehenspitzen wieder rausgeschlichen. Die Stücke waren atemberaubend, die Preise auch.

    Ganz am Ende der Straße, direkt in der Nähe des Hózómon pfiff ich Tochter zurück. Ein winziger Laden bot kleine, geschnitzte und bemalte Holzfiguren an. Nein, keine Kokeshis, so etwas hatte ich noch nie gesehen - diese erinnerten auch mit Ihrer Größe an Figuren, wie man sie an Erzgebirge Pyramiden findet. Neugierig steckten wir die Nase in den Laden, der mit uns Beiden auch schon voll war. Eine kleine Oni-Figur hatte es uns angetan, die wie ein buddhistischer Priester gekleidet war. Der ältere Ladenbesitzer holte diese zur näheren Bewunderung aus der Vitrine. Als ich seinen Laden als den hier für mich interessantesten lobte, lachte dieser schallend und ein Erklärungsschwall aus einer Mischung von japanisch und englisch ergoss sich über uns. Dazu holte er noch ein Album mit allerlei Fotos hervor, die Leute in seinen Laden zeigten, welche hier wohl zu den Promis zählen. Merken konnte ich mir, dass er wohl so etwas wie der einzige lizensierte Händler für diese Art Volkskunst und sogar so etwas wie ein Hoflieferant des Kaiserhauses sei. Ääähm ja, ich gebe nur weiter, was ich meine verstanden zu haben.


    Papa, Tochter und Mini-Priester-Oni schickten sich nun an, den Sensoji zu erkunden, der mittlerweile von Touristen belagert wurde. Nachdem wir uns artig wie diese benommen hatten, verließen wir das touristische Epizentrum einfach frei Schnauze gefühlt in Richtung Kappabashi, natürlich möglichst wieder entlang meiner geliebten kleinen Nebenstraßen.

    Und natürlich wurde ich nicht enttäuscht. An einen unscheinbaren Laden, der eher wie eine Werkstatt mit großen Schiebetor aussah, musste ich unwillkürlich bremsen. Ein paar Töpferwaren standen im Fenster. "Guck mal Tine, wenn das keine Shigaraki-Keramik ist fresse ich ein Besen! Woll´n wa rein?" Bevor eine Antwort kam, war ich eh schon drin. Zum Glück blieb mir der Besen erspart. Die Palette reichte von schlichter Gebrauchskeramik (nahe am Eingang) bis hin zu irre schöner Tee-Keramik tief im Laden-inneren.

    Shigaraki-Yaki gehört zu den "6 alten Öfen Japans". Diese alten Öfen stellen fast ein Pedant zu den Gokaden bei Schwertern dar, nur dass es im Grunde keine Renaissancen gab. Die (von der Grundidee) unglasierte Keramik bekam ihre Bedeutung mit dem Wabi-Sabi-Trend der Teemeister des späten 16. Jahrhunderts. Ich schrieb "von der Grundidee unglasiert", doch findet sich gerade hier viel die typische Asche-Anflugglasur, die trüb- bis klar grün (Bidoro) auf rotbrennenden Scherben ausglasiert. Da im Gegensatz zu Bizen-Keramik Shigaraki bei höheren Temperaturen gebrannt wird, entsteht diese Glasur nur bei Kiefernholz-befeuerten Öfen.

    Sabbernd stehe ich vor 4 unglaublich schönen Teeschalen, welcher für Shigaraki-Verhältnisse geradezu barock ausgefallen sind und strotzen geradezu mit "Hataraki". Ich kann einfach nicht anders und muss stammelnd auf die Schalen zeigen und dem Angestellten erklären, dass diese Schalen einfach nur abartig schön sind. Dieser bedankt sich überschwänglich tausendmal mit Verbeugungen fast bis zum Boden und erklärt, dass dies alles Stücke eines bestimmten Künstlers sind. Dann fragt er, "Du ju laik Shigaraki-Yaki"? Ooch nicht nur diese Tradition denke ich und mache den Fehler, ihm weitschweifend das zu erklären. Das Lächeln meines Gegenüber wird gequält. Wieder entschuldigt er sich mehrmals und betont, " ei trei studi inglisch very hart, bat it is sooo diffikult...". Mit anderen Worten, er hat so gut wie nix verstanden. Trotzdem freuen wir uns eine Runde gemeinsam. Es sind genau diese kleinen Erlebnisse, welche das Ganze so abrunden.

    Der Satsuma-Flüsterer

  • Ein Stückchen weiter und um die Ecke müssen wir erstmal genauer hinschauen, wir sollten jetzt "die Kappabashi" erreicht haben. Tatsächlich fällt die Straße mit ihrer unspektakulären 70ger Jahre Architektur nicht sonderlich auf. Keine Flaniermeile, keine futuristischen Leuchtreklame-Fassaden, es sind sogar kaum Leute auf den Gehwegen unterwegs. Dennoch keine Frage, aus dem Fenster des Geschäfts vor dem wir stehen, grinst uns ein Kappa an. Der Kappa, ein typisch japanischer Flusskobold, ist das Maskottchen und Markenzeichen dieser Straße, welche eigentlich Kappabashidogugai Street heißt, was wohl "Regenmantelbrücken-Küchengerätestraße" bedeutet. Manchmal ist es einfach besser, kein, bzw. kaum japanisch zu verstehen.

    Mit dem Flusskobold "Kappa" hat die Straße nur phonetisch zu tun, aber er begegnet einen hier auf Schritt und Tritt bei fast jeden Laden. Wir finden sogar ein fast menschengroßes Denkmal eines goldenen Kappas. Etwas merkwürdig ist das schon, selbst wenn man den Namen dieser Straße auf "Regenmantelbrücke" reduziert. Hier gibt's keine Brücke und der Sumida ist ein ganzes Stück weit weg. Vielleicht war das früher ja mal anders...eine mögliche Erklärung geht auf ein Viertel mit Handwerkern zurück, welche sich auf die Herstellung der jap. Regenmantel-Überwürfe spezialisiert hatten.

    Jedenfalls reit sich hier auf beiden Seiten der Straße über eine ewige Strecke ein Laden neben den anderen, die irgendwie alles anbieten, was auch nur im Entferntesten mit Essen und Essen-machen zu tun hat. Ob Möbel für Restaurants, Auslagen und Vitrinen, Küchengroß- und Kleingeräte, Küchenutensilien sämtlicher Art, Kogas Besteck- und Messerläden, die berühmten, extrem echt aussehenden Nachbildungen jap. Gerichte, mit denen die Restaurants um Kunden werben, Arbeitskleidung, Dekoartikel, Lebensmittel und Gewürze und so weiter. Es mag sich erstmal nicht so spannend anhören und selbst ich bin niemand, der mit Wonne durch die Küchenutensilien-Abteilung eines Kaufhauses schlendert - zumal ich "shoppen gehen" jeglicher Art abgrundtief hasse. Aber vielleicht gibt es ja wirklich heimlich diese Kappas, welche einen verzaubern, so dass auch ich voll mit Neugier durch diverse interessante Läden tapere. Selbstverständlich gab es ganz zur Freude meiner Tochter ganze Läden nur für Essstäbchen. Das zu beschreiben würde den Rahmen sprengen. Ich ja hatte keine Ahnung, was es alles für Stäbchen gibt!

    Nur bei einer bestimmten Art von Laden habe ich mich vehement geweigert hineinzugehen. Ausgerechnet die Art von Laden, welche wohl die meisten Ausländer in Japan ansteuern würden und auch der Grund für Kogas Empfehlung war: Küchenmesser! Nee! Ich hatte keine Probleme Antiquitäten-, Keramik- und Schwertläden in Japan. Nöö, ich sammle nicht mehr und ich erfreu mich einfach an den Sachen, wenn ich sie sehen kann.

    Aber ein Küchenmesser brauch man doch! Und wenn die dann auch noch so gut sind! Und Handgemacht! Und sooo schön! Mir hat schon das nervöse Zucken in den Augen gereicht, wenn ich nur in die Nähe eines Ladens kam. Tsubaya, Kamata, was weiß ich, eben all die wichtigen Läden...nee das war mir zu gefährlich. Ich wäre mit Sicherheit nicht unter 2 Stunden aus so ein Laden rausgekommen, und dann mit irgendeinem bei Mondschein geklöppelten Mords-Prügel. Dann das Theater mit der Fluggesellschaft und beim Zoll wäre ich in jedem Fall Mode gewesen. Neee...


    Wie auch immer, ich kann froh sein, dass meine Frau nicht dabei war. Für Japanbesuche in der Zukunft, so uns die Japaner wegen Corinna irgendwann wieder reinlassen, habe ich schon eine Unterkunft gefunden, welche de facto nur um die Ecke ist. Dann kann sich Frau den ganzen Tag hier austoben. Das hat überhaupt nichts mit Klischee "Frau und Küche" zu tun. Ich habe da einfach so viel gesehen, gerade in dem Bereich der "kleinen Utensilien" die genau ihren Nerv treffen würden.

    Von hier aus ist es auch nicht wirklich weit bis nach Ueno und den ganzen Museen. Auch in Richtung Asakusa, was wir nur kurz oberflächlich gestriffen haben, gibt es noch mehr zu entdecken.


    Das war nun wirklich der letzte Beitrag, auf Grundlage der "Abholung meiner Tochter" in Japan 2019. Im Untergrund kämpfen noch viel mehr Eindrücke, rausgelassen zu werden, aber das würde too much werden.


    Ich glaube, der Reiz lag einfach in meiner "Unbedarftheit". Nichts war wirklich unbekannt und doch neu. Im Nachhinein habe ich oft gedacht, verdammt, warum bist du nicht noch dort oder dahin gegangen? Aber es gab halt nur einen groben Plan, und alles weitere ließen wir einfach auf uns zu kommen.


    Das "strategische Austoben" behalte ich mir dass Nächste mal vor. Ich habe Frau schon angedroht, dass wir nach Kamakura mindestens zwei mal müssen...

    Der Satsuma-Flüsterer

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