Sinn oder Unsinn der "geheimen" Lehre

  • Jeder hat schon von den nur an spezielle Schüler weiter zu gebenden Lehren gehört. ( Kuden ) .

    Der Grund für diese nur mündliche Überlieferung ist divergent.

    Auf der einen Seite "Schutz der Schule" kurz es soll kein anderer wissen was wir tuen und vor allem wie. Das kann man noch nachvollziehen.

    Anderer Punkt : "Die Techniken sind so gefährlich, die darf nicht jeder wissen" Da fängt es an zu wackeln, denn viele Dinge der klassischen KK sind heute obsolet in der Realität.

    Gleichzeitig gibt es das Konzept des Technik-Stehlens im gleichem Kontext.

    Dieser Punkt ist meines Erachtens nach in dem Kontext nicht unerheblich.

    Ab einem bestimmten grade der Ausbildung und Erfahrung kann man Dinge lesen. Wenn ich z.:b einem Großmeister der Polierkunst über die Schulter sehe, sehe ich sehr genau und es geht oftmals ein Lämpchen an und ich denke "Ah ha, es geht auch einfacher wie man sieht"

    Dabei geht es aber Feinheiten, also genau die Dinge die in den Kuden tradiert werden.

    Der gleiche Effekt dürfte bei erfahrenen KK Betreibenden auftreten.

    D.H. Wenn ich einem Duell von zwei Soke beiwohne z.:b im Rahmen einer Veranstaltung, kann ich auch lesen, also Wissen stehlen.

    Sollte diese These, mehr ist es nicht, stimmen, welchen Sinn hat dann die Geheimniskrämerei noch ?

    NIL DESPERANDUM

  • Diese Geheimniskrämerei ist in meinen Augen kompletter "Asia-Verehrungswahn". Geheime Techniken, ganz bestimmt nicht, vielmehr liegt es - ich kann es grad nicht anders ausdrücken- an der Qualität des Schülers. Ab einem gewissen Level sollte er die Prinzipien einer Kampfkunst verstanden und verinnerlicht haben, danach unterscheiden sich die Fähigkeiten, der eine ist der "handwerker", der andere der "Künstler". Dem zweiten wird man sicherlich auch mehr fördern, weil da noch Potential ist.


    Und Techniken klauen ist doch ganz normal wenn man über den Tellerrand schaut, man lernt von anderen und versucht das in seinen STil zu implementieren. Wurde doch über Jahrhunderte so gemacht.

    Hapkido- die Kunst Kleider zu falten, in denen noch Menschen stecken!

  • Es gibt mehrere, aus meiner Sicht auch heute noch sinnvolle, Gründe für die Geheimniskrämerei. Ich erstelle mal meine eigene Liste, Teile davon hat Kajihei schon erwähnt, wird sich also doppeln. Dazu meine jeweilige Einschätzung des Punktes. Die Reihenfolge ist so, wie mir die Punkte eingefallen sind und stellen keine Rangreihe dar:
    1. Schutz der Schule: Früher relevant, weil tatsächlich überlebens-entscheidend (im Kontext Koryu). Heutzutage ebenfalls relevant, aber aus einem anderen Grund, nämlich dem Schutz vor Betrug und dem Schutz der Tradition an sich. Je mehr Techniken/Prinzipien öffentlich sind, desto eher kann irgendwer einfach behaupten, etwas zu Lehren, was er nicht kann. Da das für Laien oft nur schwer zu sehen ist, droht über die Zeit eine "Verfälschung" oder "Verwässerung" der Kunst. Außerdem werden Schüler stumpf betrogen, wenn ihnen gesagt wird, sie lernen etwas, was sie eigentlich gar nicht gelehrt bekommen.
    2. Technik zu gefährlich: Stimme Kajihei zu, in der heutigen Zeit Unsinn, wenn wir in die "Realanwendung" gehen. ggf. im Training relevant, siehe Punkt 4.

    3. Schutz der finanziellen Interessen: Fällt so ein wenig mit Punkt 1 zusammen und gilt für die allermeisten KK heute nicht mehr. Gibt aber zumindest einige Koryu, bei denen die Lehrer/Oberhäupter davon Leben müssen. Da schadet es natürlich, wenn das Produkt in allen Aspekten öffentlich frei zugänglich ist. Ähnliches kann ich mir auch im Hochleistungs-Wettkampfsport vorstellen. Da haben auch Trainer ihre ganz eigenen "Erfolgsrezepte".

    4. Teil der Didaktik/des pädagogischen Konzeptes: Das Geheimhalten gilt ja nicht nur gegenüber außen, sondern auch gegenüber den Schülern, die noch nicht so weit sind. Es müssen halt erst die Grundlagen stimmen, bevor ich auf die Feinheiten eingehe. Auch das Verständnis der Prinzipien ist ja nichts, was der Schüler "einfach so" erlangt, auch da muss er herangeführt werden. Das alles hat eine, mehr oder minder sinnvolle, Reihenfolge, die eben auch erforderlich machen kann, dass ich Dinge vor manchen Schülern geheim halte.
    5. Technik stehlen: Hier muss man glaube ich deutlich zwischen modernen KK und den alten, z.B. Koryu, unterscheiden. In modernen KK und erst recht im Wettkampfbereich, ist das "schauen über den Tellerrand" und das "ausspionieren" von Gegnern Teil des Gesamtkonzeptes, der auch relativ früh schon mit in das Training einbezogen wird. In den Koryu ist es klassischerweise so gewesen, dass man quasi erst "ausgelernt" hat, bevor man seinen Horizont erweitert. Lag aber auch daran, dass historisch betrachtet ohnehin schon eine gewisse "Grundausbildung" in den Kriegskünsten bestand. Der Horizont war also eigentlich gar nicht so eng. Hat man sich jedoch in eine Lehre vertieft, hat man diese erst zu Ende gebracht und dann weitere Lehrer oder Erfahrungen gesucht.

    6. Marketing: Teil einer "Geheimlehre" zu sein ist natürlich "cooler" als das gleiche zu machen, was alle anderen tun. Spielt denke ich mit in den von Kibon erwähnten "Asia-Verehrungswahn" (siehe auch Punkt 3).

    Koryu ist kein Selbstverwirklichungsbaukasten!

  • Geheimniskrämerei ist doch nicht nur etwas, das es in asiatischen KK gibt, oder generell in KK. Schaut man sich die Lichtenauer Frechttradition an (oder das, was davon in den Büchern erhalten blieb), dann gibt es da auch viele Ungereimtheiten und Unklarheiten, weil viele Fechtlehrer einige wichtige Teile ihres Wissens nur einem kleinen Kreis an Schülern weitergegeben hat.

    Und wie ist es denn beruflich? Die Handwerkszünfte haben heute noch streng gehütete Geheimrituale, die nur an bestimmte Eingeweihte weitergegeben werden. Und früher wurde auch sehr eifersüchtig das Wissen gehortet und geheimgehalten.

    Und eine bestimmte Geheimniskrämerei kann z. B. auch sinnvoll sein, wenn Leute behaupten, dass sie von einem z. B. Ving Tsun gelernt hätten, aber gerade mal 2 oder 3 Jahre einmal pro Woche im Training waren. Die Japaner haben es da leichter - einfach nach dem Menkyo Kaiden fragen, bei einer verdächtigen Antwort weiß man da meistens schon Bescheid. Gibt es im Chinazirkus leider nicht. Urkunden vielleicht - die man aber auch leicht selbst drucken kann ;-) .

  • Und eine bestimmte Geheimniskrämerei kann z. B. auch sinnvoll sein, wenn Leute behaupten, dass sie von einem z. B. Ving Tsun gelernt hätten, aber gerade mal 2 oder 3 Jahre einmal pro Woche im Training waren. Die Japaner haben es da leichter - einfach nach dem Menkyo Kaiden fragen, bei einer verdächtigen Antwort weiß man da meistens schon Bescheid. Gibt es im Chinazirkus leider nicht. Urkunden vielleicht - die man aber auch leicht selbst drucken kann ;-) .

    Wobei man, um mal die Koryu Seite etwas zu entzaubern, auch da relativ einfach irgend'nen Quatsch zusammenfabulieren kann: Ich bin nun schon 'ne Weile dabei und was ich da an Menkyo Kaiden gesehen habe... sowohl an Papierstücken als auch an "Künstlern" ist das doch sehr unterschiedlich. Und für den Laien nicht zu erkennen, ob das eine genuine Genealogie wiedergibt oder da nur "Nummer 3 mit Huhn" draufsteht ;-)

    Koryu ist kein Selbstverwirklichungsbaukasten!

  • Och gefälschte Papiere ... Mir wurden schon Schulzeugnisse als Schwertgutachten präsentiert, da ist man irgendwann abgehärtet.

    NIL DESPERANDUM

  • Ich frage mich; gibt es den heute noch so Geheimnisse? So redselig wie der Mensch heute ist, der plaudert doch gerne mehr aus als es sein sollte und die Wissenschaft macht den Rest. Wenn man dann noch von solchen Geheimnissen spricht, dann werden die gerne als Mythos und Hokus-Pokus abgetan.

    Aber es gibt sie ja trotzdem und mit Daseinsberechtigung. Selbst in meinem gelernten Beruf, habe ich noch Praktiken/Techniken, die ich selbst entwickelt habe, auch nicht weitergegeben. Um was zu erreichen? Klar, zum Schutz vor Nachmacher und den Status der Einzigartigkeit zu wahren. Heute unter Messermacher gibt es das auch noch. Da werden Stahlsorten kreiert die sonst keiner hat um eben diese Einzigartigkeit zu haben. Ist das Produkt dann noch in der höchsten Qualitätsliga angesiedelt, sind auch höchst Preise nicht unmöglich und das Geheimnis um den Stahl ist dann auch nicht wichtig.

    Schlussendlich ist es eine Sache von jedem einzelnen, ob und wie viele Geheimnisse er preisgeben will. Aber mit dem noch werben und andere übers Ohr zu hauen.. das ein anderes Thema.

    Naja, und es gibt Geheimnisse, auf die ich auch verzichten kann. Oder wollt ihr wissen, wer Nachts volles Rohr unter der Decke pupst? ^^

    "Die Wahrheit versteckt sich oft hinter Lügen"
    Meins!! :D

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