Wieviele Formen des "Judo" gibt es?

  • Aus Shohei Sato (2013). The sportification of judo: global convergence and evolution. Journal of Global

    History, 8, pp 299317 doi:10.1017/S1740022813000235

    [quelle]https://www.cambridge.org/core…244AD8D2DF36AA6ADE10B835A[/quelle]




    Aus The Original Kodokan Judo Tournament Rules

    H. Irving Hancock and Katsukuma Higashi, The Complete Kano Jiu-Jitsu (Judo), (New York: Dover Publications, 1905)

    [quelle]https://judoinfo.com/rules/[/quelle]

    Zitat

    4. A contestant shall be deemed to have been defeated when from any cause or causes he may become unconscious. But it is not permitted to use serious tricks when the wrestling bout is between friends. Such tricks as kicking and the breaking of arms, legs, and neck are barred.
    [...]
    8. It is understood and agreed that the Jiu-Jitsu man, whether he fights a boxer or contests with a wrestler, shall be allowed to use in his defense any of the tricks that belong to the art of Jiu-Jitsu.



    Daraus schließe ich, dass es über die Geschichte des Judo hinweg sehr viele Formen des Judo gab und zum Teil noch heute gibt. Eine konkrete Zahl zu benennen dürfte ohne ausgiebige Recherche/Forschung schwierig sein. Sato beschreibt in seinem Artikel auch noch, wie sich Judo mit lokalen Ring-Stilen vermischte (Stichwort Sambo in Russland) und beschreibt hervorragend, wie durch die Sportifizierung und schließlich auch Kommerzialisierung Judo verändert wurde.

    Ich denke, die Anzahl der Judo-Stile lässt sich mit "mindestens 2" (mit und ohne Schlag-/Trittformen) und "potentiell Hunderte" eingrenzen.

    Koryu ist kein Selbstverwirklichungsbaukasten!

  • Wenn man "Spin-Offs" wie BJJ und Sambo als eigene Stile anerkennt würde ich sagen dass es nach wie vor nur ein Judo gibt, wenn auch mit unterschiedlichen Ausprägungen. Üblicherweise bezeichnen alle die Judo betreiben das was sie tun schlicht und einfach als Judo, zumindest sind mir noch keine unterschiedlichen Benennungen wie im Karate oder Aikido untergekommen.

  • Im Kodokan-Judo war es Gang und Gebe, dass es Schläge und Tritte gab, genauso wie Waffen. Daraus entwickelte sich das heutige Sportjudo, was immer weniger dieser Sachen enthalten hat.
    Wenn man sich die verschiedenen Kata anschaut, sind die jeweiligen Techniken enthalten.

    Mein Englisch ist zu schlecht. Ich löse das physikalisch!

  • Üblicherweise bezeichnen alle die Judo betreiben das was sie tun schlicht und einfach als Judo, zumindest sind mir noch keine unterschiedlichen Benennungen wie im Karate oder Aikido untergekomm


    Nur rümpfen die oder der , die das ursprüngliche Judo betreiben , immer ein bisschen die Nase über das " Sport " - Judo. ( " das ist aber gar kein Judo " ) Irgendwie will man immer zur elitären Gesellschaft gehören , anstatt die natürliche Stilevolution zu akzeptieren.

  • Ich gehe von meinen Überlegungen vom "Judo" aus, welches sich auf die Person Jigoro Kano beschränkt. Ich hätte natürlich noch viel mehr derartiger Quellen präsentieren können. Hat Jigoro Kano 2 Judo-Stile konzipiert oder doch nur einen, aber mit Tritten und Schlägen? Ich würde den Ursprüngen des Judo gerne etwas näher kommen. Außerdem würde ich gerne wissen, wenn dieses Judo von Kano modifiziert wurde, von wem und wann das war... wenn es denn überhaupt jemand weiß...


    Dazu eine bitte: Könnt Ihr die englischen Texte ins Deutsch übersetzen?

    ...und wieder einen Schritt weiter :thumbup:

  • Ich gehe von meinen Überlegungen vom "Judo" aus, welches sich auf die Person Jigoro Kano beschränkt. Ich hätte natürlich noch viel mehr derartiger Quellen präsentieren können. Hat Jigoro Kano 2 Judo-Stile konzipiert oder doch nur einen, aber mit Tritten und Schlägen? Ich würde den Ursprüngen des Judo gerne etwas näher kommen. Außerdem würde ich gerne wissen, wenn dieses Judo von Kano modifiziert wurde, von wem und wann das war... wenn es denn überhaupt jemand weiß...


    Dazu eine bitte: Könnt Ihr die englischen Texte ins Deutsch übersetzen?

    Kano hat nur einen Judo-Stil konzipiert, wobei man nicht vergessen darf dass die Entwicklung des Judo unter Kano nie abgeschlossen war. Bereits damals war Judo schon ein lebendiger Stil der sich verändert und entwickelt hat. Auch Kano hat Zeit seines Wirkens neue Aspekte eingebracht und gegebenenfalls Dinge verworfen, einen Endpunkt der Entwicklung gab es nie.
    Auch in der post-Kano-Ära kann man Veränderungen so allgemein daher schwer an bestimmten Zeitpunkten oder Personen festmachen.

  • Hatte Kano denn zu Lebzeiten Schläge- und Tritte mit ins Judo integriert? Ohne die Quellen jetzt wiederzufinden, meine ich in einem anderen Forum gelesen zu haben, dass die Annahme, Kano hätte Tritt und Schläge aus dem Judo entfernt, falsch sei. Es gebe "original überlieferte Texte", in denen dass auch genauso stehen würde. Was haltet Ihr davon?

    ...und wieder einen Schritt weiter :thumbup:

  • Ohne die Quellen jetzt wiederzufinden, meine ich in einem anderen Forum gelesen zu haben, dass die Annahme, Kano hätte Tritt und Schläge aus dem Judo entfernt, falsch sei. Es gebe "original überlieferte Texte", in denen dass auch genauso stehen würde. Was haltet Ihr davon?

    Das ist korrekt.

    Die Artikelserie von Wolfgang Dax-Romswinkel geht in Teil 12 spezifisch auf Tritt- und Schlagtechniken ein (Geschichte des Kodokan-Judo (.pdf). Auch Tom Herold hat in diversen Foren einiges an Quellen zu dem Thema zusammengetragen.

  • In Kanos Judo war alles enthalten und es wurde durch die Verportlichung immer weniger, durch andere Leute.

    Mein Englisch ist zu schlecht. Ich löse das physikalisch!

  • Das ist korrekt.

    Die Artikelserie von Wolfgang Dax-Romswinkel geht in Teil 12 spezifisch auf Tritt- und Schlagtechniken ein (Geschichte des Kodokan-Judo (.pdf). Auch Tom Herold hat in diversen Foren einiges an Quellen zu dem Thema zusammengetragen.

    Sehr interessant der Bericht von Wolfgang Dax-Romseinkel aber zugleich auch irritierend... was genau ist denn dann der Unterschied zwischen dem Jiu-Jitsu und dem Judo und was die Idee, dass Jiu-Jitsu in eine andere Form zu gießen? Ich bin auch darüber irritiert, warum sich dieses Wissen so wenig durchgesetzt hat, obgleich Deutschland und Japan geschichtlich immer sehr eng befreundet waren und auch der sportliche Austausch sehr eng war?

    ...und wieder einen Schritt weiter :thumbup:

  • Außerdem würde ich gerne wissen, wenn dieses Judo von Kano modifiziert wurde, von wem und wann das war... wenn es denn überhaupt jemand weiß...


    Dazu eine bitte: Könnt Ihr die englischen Texte ins Deutsch übersetzen?

    Ich kann hier nicht den ganzen Artikel übersetzen, aber zumindest den Abschnitt den ich zitiert habe. Der Textabschnitt von Sato:
    "Die Regeln des Judo haben sich vielfach verändert und das heute in internationalen Wettkämpfen praktizierte Judo hat kaum noch etwas mit dem Judo von 1882, als es gegründet wurde, gemein. Jigoro Kano hat enthusiastisch Judo für die Welt beworben, jedoch ging die Entwicklung weit über sein Design hinaus. In den frühe Jahren sind die Regeländerungen anscheinend durch das Interesse von Europäern, Judo eher ihren eigenen Ring-Traditionen anzugleichen, sind die Änderungen in der jüngeren Zeit auf kommerziellen Druck Judo von anderen im Fernsehen ausgestrahlten Sportarten zu differenzieren und es dem Zuschauer leichter zu machen, das Geschehen zu verstehen und zu schätzen. Die Globalisierung hat daher zu einer kontinuierlichen Entwicklung des Charakters von Judo geführt und sogar die grundsätzliche Idee, was Judo ist oder sein sollte, verändert."


    Die Ausschnitte aus den Regeln:
    "4. Ein Wettbewerber gilt als besiegt, wenn er durch irgendeine Ursache oder Ursachen bewusstlos geworden ist. Es ist nicht gestattet, ernsthafte Techniken im Ring-Wettstreit zwischen Freunden zu verwenden. Techniken wie Treten und das Brechen von Armen, Beinen und dem Hals sind verboten.
    [...]
    8. Es wird verstanden und akzeptiert, dass es dem Jiu-Jitsu Ausübenden, egal, ob er gegen einen Boxer kämpft oder im Wettstreit mit einem Ringer ist, zur Verteidigung erlaubt ist, alle Techniken, die zur Kunst des Jiu-Jitsu zählen, zu verwenden."

    Zum "von wem/wann" sei auf den Text von Sato verwiesen: Durch die Ausübenden in anderen Ländern, durch die Sportifizierung und Kommerzialisierung. Es gibt also weder "den einen Menschen" der es verändert hat, noch "den einen Zeitpunkt" zu dem das Geschehen ist.


    Hatte Kano denn zu Lebzeiten Schläge- und Tritte mit ins Judo integriert? Ohne die Quellen jetzt wiederzufinden, meine ich in einem anderen Forum gelesen zu haben, dass die Annahme, Kano hätte Tritt und Schläge aus dem Judo entfernt, falsch sei. Es gebe "original überlieferte Texte", in denen dass auch genauso stehen würde. Was haltet Ihr davon?

    Kanō hatte zwei alte Jutsu-Stile gelernt, Tenjinshin'yō-ryū jūjutsu und Kitō. Laut Wikipedia ist er in Kitō-ryū mit menkyo graduiert worden. Menkyo ist eine Lehrlizenz und wird in den meisten Systemen von Menkyo kaiden, der Lizenz der vollständigen Übermittlung, unterschieden. Unstrittig ist, dass Kanō diese beiden Systeme gelernt hat. Die Tenjin shinyō-ryū kennt Schlag- und Tritttechniken (Weiter unten ein Link zu einem Enbu, öffentlicher Vorführung von heutigen Mitgliedern der Schule). Kitō-ryū kennt ebenfalls Schlagtechniken (laut Wikipedia. Es war mir nicht möglich, herauszufinden ob diese Ryūha [Schule] noch heute existiert. Ebenfalls unten ein Video, das angeblich Kanō bei Kitō-ryū Kata zeigt.) Wenn Kanō nun diese beiden Systeme zu seinem Judō zusammengefasst hat, liegt es nahe, dass er auch die Schlag- und Tritttechniken zumindest in Teilen mitgenommen hat. Auch der Regelabschnitt von 1905 legt durch das explizite Verbot von Tritten nahe, dass diese sehr wohl im Judō existieren.

    Tenjin shinyō-ryū Vorführung:

    .

    Jigorō Kanō und Yamashita Yoshiaki zeigen Kitō-ryū Kata, 1930 (vermeintlich):

    Koryu ist kein Selbstverwirklichungsbaukasten!

  • Ich bin auch darüber irritiert, warum sich dieses Wissen so wenig durchgesetzt hat, obgleich Deutschland und Japan geschichtlich immer sehr eng befreundet waren und auch der sportliche Austausch sehr eng war?

    Hierzu gibt es eine interessante Überlegung von Shoji Yamada, Assistenz-Professor am Internationalen Forschungszentrum für Japan-Studien in Kyoto: Kurz zusammengefasst, hat es mit dem Selbstverständnis Japans und seiner Bevölkerung nach dem zweiten Weltkrieg zu tun. Japan erlebte japanische Kultur reflektiert in den Ansichten von Westlern, die sich mit Japan befassten. Yamada vergleicht diese Reflexion mit einem magischen Spiegel, der einem die eigenen Wünsche zeigt und dem man nur zu gerne glauben möchte. Das Bild Japans, dass nun von den Westlern kommuniziert wurde, gefiel besser, als das Selbstbild und wurde somit Stück für Stück übernommen. Yamada macht das an Kyudo und dem Ryoanji in Verbindung mit Zen fest. Das Buch heißt Shots in the Dark - Japan, Zen, and the West.

    Koryu ist kein Selbstverwirklichungsbaukasten!

  • Sehr interessant der Bericht von Wolfgang Dax-Romseinkel aber zugleich auch irritierend... was genau ist denn dann der Unterschied zwischen dem Jiu-Jitsu und dem Judo und was die Idee, dass Jiu-Jitsu in eine andere Form zu gießen?

    SIehe TAI-EULEs Beitrag. DasJiu Jitsu (Jujutsu wäre wohl passender) gibt es nicht und hat es nie gegeben, vielmehr gab und gibt es eine Vielzahl von Jujutsu-Stilen. Kann man gut mit dem Begriff Kung Fu vergleichen.


    Zitat von Paladin

    Ich bin auch darüber irritiert, warum sich dieses Wissen so wenig durchgesetzt hat, obgleich Deutschland und Japan geschichtlich immer sehr eng befreundet waren und auch der sportliche Austausch sehr eng war?

    Wo in der KK-Szene hat sich denn historisches Wissen wirklich durchgesetzt?

    Am ehesten noch in der Koryu-Szene oder bei unbekannteren chinesischen Stilen weil sich hier in der Regel echte Enthusiasten tummeln.

    Aber in den verbreiteten Systemen?
    Im deutschen Ju Jutsu wird immer noch etwas von Samurai erzählt, im TKD kursieren immer noch die Mythen von 2000 Jahre alter KK und irgendwas mit drei Reichen, im Karate wird vom Waffenverbot auf Okinawa schwadroniert und im WIng Tsun glaubt man an eine Nonne.

    In weiten Teilen scheint es so zu sein dass die Masse die Mythen lieber hat als historische Fakten, passt halt auch besser zu den Asien-Klischees.

  • Es wäre schön, wenn man zu Themen, die Judo und vor allem die Judo-Geschichte betreffen, entsprechende Schriften des Gründers konsultieren würde.


    Man findet dort die gesuchten Antworten.

    Zu dem, was der TE im Eingangsbeitrag zitiert hat:

    Zitat

    Etwa gegen 1880 entwickelte ein Professor in Japan (Jigoro Kano) eine neue Kampfsport-Disziplin für seine damaligen Schüler. Einen „sanften Weg“ (japanisch: JU-DO) wollte er, auf dem körperliche, geistige, persönliche und soziale Fähigkeiten entwickelt und gefördert werden. Die Techniken sollten keine gefährlichen Elemente wie etwa Tritte und Schläge enthalten und dennoch effektive Selbstverteidigung ermöglichen.


    Mit einem Wort: Schwachsinn.


    Erstens ist es Blödsinn, dass Kano "etwa gegen 1880" "eine neue Kampfsport-Disziplin" entwickelte.

    Kano Jigoro gründete vielmehr 1882 in Tokio sein erstes eigenes Dojo, in welchem er zunächst ausschließlich Tenshin Shin'yo Ryu Jujutsu, unterrichtete, da er in dieser Schule (Tenshin Shon'yo Ryu) eine Lehrerlaubnis (Menkyo Kaiden) erhalten hatte.

    Da Kano zudem noch Kito Ryu Jujutsu studierte, nannte er die von ihm angestrebte Synthese beider Schulen "Judo". Diesen Begriff entlehnte er der Schwertschule Jikishin Ryu.

    Sein Dojo, das er als "Kodokan" bezeichnete, trug den Namen einer traditionsreichen Militärschule.


    Zweitens hatte Kano Jigoro sein Judo NICHT von Anfang an als "neue Kampfsport-Disziplin" konzipiert.

    Von Kampf-SPORT konnte 1882 nicht die Rede sein.

    Kano sah sein eigenes Kampfsystem als Synthese zweier traditioneller Schulen an und wollte diese Traditionen bewahren.


    Drittens enthielt Judo von Anfang an selbstverständlich Tritt- und Schlagtechniken (jap.: atemi).

    Diese wurden aber seit etwa 1895 / 1900 in den aufkommenden zahlreichen Vergleichskämpfen verboten (und NUR dort!), genauso wie hebel an Kleingelenken (Finger, Zehen), Genickhebel (ab ca. 1910), und Beinhebel (ab ca. 1920).

    Wenn man will, kann man das durchaus als "Versportlichung" ansehen.

    Diese Verbote allerdings galten NUR für Wettkämpfe wie etwa die "Kouhaku Shiai", die einmal pro Monat im Kodokan abgehalten wurden, und für die Vergleichskämpfe der Universitäts-Judoclubs (Kosen Judo).

    Man sehe sich die Kime-no-Kata an. Tritt- und Schlagattacken werden gekontert mit: Tritt- und Schlagattacken. (Was man seit etwa 70 Jahren aus dieser Kata gemacht hat, ist ein ganz anderes Thema, auch wenn ich den Niedergang des traditionellen "old school" Judo sehr bedauere).


    Ab 1910 wurde Judo, das sich innerhalb weniger Jahren von 1882 an über ganz Japan verbreitet hatte, zum Schulsport für MIttelschulen.

    Daher entwarf Kano ein für Kinder (!) geeignetes Curriculum, das KEINE Tritt- und Schlagtechniken enthielt.

    Nota bene: DIESE Form des Judo ist es, die in Deutschland vor allem bekannt wurde (etwa ab 1927).


    Viertens enthält Judo noch immer Waffentechniken.

    Man sehe sich die Kime-no-Kata an.

    Uke attackiert mit Schwert (Katana) und Dolch (Tanto). Es war im Judo einst (auch wenn es sehr lange her ist) Usus, dass Uke diese beiden Waffen auch zu HANDHABEN wusste ...

    Wie gesagt, aus einer sinnvollen Übungsform (Kata) hat man ein sinnloses Tänzchen gemacht, in dem weder Uke noch Tori wissen, was sie da eigentlich tun, woher es kommt und welchen Sinn das Ganze haben soll.

    Traurig.

    Und dieses Nichtwissen wird dann in diversen Diskussionen zum Maßstab erhoben ...


    Fünftens hat Kano selbst in sein Judo die Handhabung des Bo / Jo eingeführt. Es gab seit den frühen 30er Jahren eine Abteilung des Kodokan, die sich "Kobudo Kenkyukai" nannte, und in der die alten Schwertschulen erforscht wurden

    Kano konzipierte zusammen mit Lehrern solcher Schulen ein Curriculum zur Handhabung des Stocks als Waffe.

    Nannte sich Kodokan Bojutsu.

    Kann man bei Kano nachlesen.


    Was "verschiedene Stile / Formen" des Judo angeht: natürlich haben große Judoka wie Tsunetane Oda, Kyuzo Mifune, Nagaoka, Ichiro Abe, Masahiko Kimura und auch Tokio Hirano ihren eigenen Weg gefunden, Judo zu interpretieren.

    Es ist und bleibt aber Judo.

    Auch wenn heutzutage die überwältgende Mehrheit der Judoka sich nicht mal mehr vorstellen kann, dass das rein sportliche, technisch in seiner Gesamtheit stark geschrumpfte, kraftbetonte Powerjudo der IJF nicht das ist, was Kano einst geschaffen hatte ...


    Das dazu.

    Ich hab keine Lust, darüber zu diskutieren, ich hab nur mal einiges richtigzustellen versucht.

  • Nur rümpfen die oder der , die das ursprüngliche Judo betreiben , immer ein bisschen die Nase über das " Sport " - Judo. ( " das ist aber gar kein Judo " ) Irgendwie will man immer zur elitären Gesellschaft gehören , anstatt die natürliche Stilevolution zu akzeptieren.

    ich kann in der verengung des judo keine "natürliche stilevolution" erkennen.

    die inhalte sind alle noch da und werden hier und da auch bewahrt und trainiert.

    bisher hat noch jeder, der mit uns auf der matte stand, davon ziemlich profitiert.

    die nase gerümpft habe ich bisher immer nur über leute, die nicht wahrhaben wollten, dass judo nicht das ist, was der wettkampfsport gleichen namens beinhaltet.

    aber diese diskussion habe ich in den vergangenen 20 -25 jahren zu oft geführt ...

    es kann und soll jeder nach seiner fasson selig werden.

    ;)

  • Ich gehe von meinen Überlegungen vom "Judo" aus, welches sich auf die Person Jigoro Kano beschränkt. Ich hätte natürlich noch viel mehr derartiger Quellen präsentieren können. Hat Jigoro Kano 2 Judo-Stile konzipiert oder doch nur einen, aber mit Tritten und Schlägen? Ich würde den Ursprüngen des Judo gerne etwas näher kommen. Außerdem würde ich gerne wissen, wenn dieses Judo von Kano modifiziert wurde, von wem und wann das war... wenn es denn überhaupt jemand weiß...


    Dazu eine bitte: Könnt Ihr die englischen Texte ins Deutsch übersetzen?

    ich empfehle, dass du dich mit schriften kanos beschäftigst:


    "judo memoirs" von watson, es enthält eine reihe transkribierter interviews, die ein journalist namens ochiai im jahr 1928 mit kano führte.

    originaltitel: "2atashi no shogai to judo" ("mein leben als judoka"), 1997, tokio


    "judo ippan narabi ni sono kyoikujo no kachi dai nippon kyoikukai" (kano jigoro, 1889, tokio)


    "jodan no judo ni tsuite" (kano jigoro, tokio, 1918)


    usw. usw.


    einen teil dieser texte findest du in dem auch auf englisch erschienen buch "mind over muscle", das von naoki murata, den inzwischen leider verstorbenen kurator des kodokan-museums verfasst wurde.


    was waffentechniken des judo angeht:

    https://www.judo-blog.de/wordp…judo-und-kodokan-bojutsu/

  • die nase gerümpft habe ich bisher immer nur über leute, die nicht wahrhaben wollten, dass judo nicht das ist, was der wettkampfsport gleichen namens beinhaltet.


    Das ging ja schnell. Liest du heimlich mit oder wurdest du " informiert " ? popcorn-svg

    es kann und soll jeder nach seiner fasson selig werden.

    Dann ist ja gut.



    Zu den Mythen allgemein , wurde das in Asien nie gepflegt ?

  • Ich seh da jetzt nur in dem Namen nicht so eine lange Tradition.

    Er hat das geschaffen , gut , und dann hat es sich weiterverbreitet unter einer sportlicheren Variante. Es wären ohne diesen Umstand wahrscheinlich dann viele Tausend Leute nicht zum Thema Kampfsport/Kunst gekommen.

  • Hier einmal ein Video der Kime-no-kata, produziert vom Kodokan und mit englisch-sprachiger Erklärung. Ich hoffe, dass das eine 'korrekte' Darstellung der Kata ist. Zumindest sind deutlich Schläge und Tritte zu erkennen!

    Koryu ist kein Selbstverwirklichungsbaukasten!

  • kano sah sich selbst als bewahrer der tradition(en) der koryu.

    der kodokan galt ja dann auch anfangs als (weiteres) dojo der tenshin shin'yo ryu / kito ryu.

    noch einmal: den namen "kodokan" übernahm kano von einer in der tokugawa-epoche sehr respektierten militärakademie.

    den namen "judo" übernahm er aus der jikishin ryu. dort wurde dieser name erstmals im jahr 1704 erwähnt und bezeichnete die "bestmögliche anwendung" der techniken des curriculums dieser schule.


    die gesellschaftliche entwicklung aber fegte ja im japan der beginnenden meji-restauration etliche traditionen einfach weg (zumindest vorläufig).

    judo wurde zu etwas, das es so vorher nicht gegeben hatte.

    es war sozusagen (unzulässig vereinfacht) die erste japanische kk, die tatsächlich jedem zugänglich war und die von etwa 1886-1910 einen rasanten aufschwung und eine flächendeckende verbreitung in japan fand.

    ich war nicht dabei, ich kann mich nur an das halten, was kano selbst dazu schreibt, und was einige seiner zeitgenossen dazu äußern.

    das aber ergibt ein recht stimmiges bild ...


    die taisho jigoku (1912-1926) war allerdings dann eine zeit, in der sich japan hin zu einer oligarchie und einem beamtenstaat entwickelte. keine gute zeit für kampfkünste und traditionen ...

    das änderte sich schlagartig mit beginn der showa-epoche (1927), und in diese von überschäumendem nationalismus und militarisierung des ganzen landes geprägte entwicklung wurde auch das judo mit hineingezogen.


    kanos leiblicher sohn schloss sich den japanischen kommunisten an, und kano musste mehrere male seinen ganzen politischen einfluss (er war so etwas wie ein unterstaatssekretär im bildungsministerium) aufbieten, um seinen sohn aus polizeigewahrsam zu befreien ...

    kano selbst hielt im übrigen weder etwas von ideologien noch von religionen.

    kann man nachlesen.


    die versportlichung des judo, wenn man so will, begann mit dem von kano 1910 für schüler der mittelschulen entwickelten curriculum eines "entschärften" judo.


    entscheidend aber war für diese entwicklung, dass vor allem in europa ab den 50er jahren judo als sport angesehen wurde.

    das hatte gründe, zu denen ich kurz etwas schreiben möchte:


    Zitat

    Im Jahre 1952, als die neugegründete Europäische Judo Union daranging, den Sinn und Zweck des Judo (in Europa) zu definieren, wurde dies ausschließlich aus dem (west-) europäischen Sportverständnis heraus getan – ein grundlegend falscher Denkansatz.


    Der damalige Präsident der EJU, Aldo Torti, formulierte seinen Standpunkt so:

    „Warum und zu welchem Zweck wurde ursprünglich eine europäische Vereinigung des Judo geschaffen, und warum und zu welchem Zweck hat sich die Vereinigung in einen internationalen Verband verwandelt, warum hat dieser Verband um die Anerkennung im IOC gebeten, und warum endlich wünscht er, daß Judo in das Olympische Programm hereingenommen wird? Grund und Zweck sind einfach und klar: Weil Judo im Geiste der Schöpfer der Vereinigung, vor allem und über alles ein Sport ist. Es folgt daraus, daß er, wie dies in der westlichen Fassung verstanden wird, alle Regeln und Bräuche des Sports haben muß.“


    ("warum wir eine pädagogik-diskussion im judo brauchen – standpunkte zum üben, erziehen, helfen und vermitteln im judo", ralf pöhler, 1999)


    Zitat

    Aldo Torti 1952 wie folgt: „Ist Judo ein Sport? Zu dieser Frage gab mir ... die japanische Delegation eine ausweichende Antwort. Sie sagte nur, daß gemäß den schriftlichen und mündlichen Überlieferungen des Schöpfers des Judo, Prof. Kano, Judo auch ein Sport sei ...

    Ist Judo auch ein Sport, wie mir die japanischen Meister erklärt haben, so fällt jeder Anspruch, sowohl zu einer Vereinigung als auch zu einem Anschluß im IOC oder noch mehr die Aufnahme des Judo in das Programm der Olympischen Spiele weg.“


    (ebenda)


    wer also den genauen zeitpunkt sucht, an dem judo in europa zu einer bloßen sportart umdefiniert wurde, und wer die dafür verantwortlichen namentlich kenntlich machen möchte, ist mit dieser aussage aldo tortis aus dem jahr 1952 auf dem richtigen weg.


    damit dürfte auch klar sein, wieso die kata des judo nur noch als inhaltsbefreite tanzeinlagen ohne messbaren wert performt werden und wieso es kaum noch das wissen um waffen und tritt-/schlagtechniken im judo gibt.


    es handelte sich also eher weniger um eine "natürliche evolution", sondern um eine bewusste und zu einem relativ exakt festzulegenden zeitpunkt getroffene entscheidung.


    dem damaligen zeitgeist folgend (man bedenke, dass 1952 der krieg gerade mal seit 7 jahren vorüber war!) stellte sich auch der dritte direktor des kodokan, kano risei (ein adoptivsohn kanos, der KEIN judoka war!) nicht gegen diese beschlossene versportlichung.


    nota bene: der zweite direktor des kodokan, admiral jiro nango, war ein neffe kanos und leitet den kodokan von 1938 bis 1945.

    admiral jiro nango hatte aus dem kodokan das gemacht, was der name "kodokan" ursprünglich bedeutete: eine militärakademie ...

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