Gut werden - zu den Besten gehören

  • Wie kann man so gut werden, dass man zu den besten gehört? Kennt Ihr den Autor Malcolm Gladwell? Dieser hat die folgende "10.000-Stunden-Regel" aufgestellt:

    Die Regel besagt, dass Du 10.000 Stunden in eine Fähigkeit investieren musst, bevor Du so gut darin bist, dass Du zu den Besten gehörst. Wenn Du also ein Konzertpianist, ein Profisportler oder ein erfolgreicher Unternehmer werden willst, stehen zwischen Dir und dem Ziel nach dieser Regel 10.000 Stunden Übung.

    Wer also - auch als Kampfsportler bzw. Kampfkünstler - gut werden will und sogar zu den Besten gehören möchte, muss investieren. In Schweiß, Zeit und Geld. Toller Artikel, zudem es HIER geht...

    ...und wieder einen Schritt weiter :thumbup:

  • Ein mittelprächtiger Golfer in den 30ern (Handicap 16 oder so, also für einen Wochenendspieler ganz okay, so ca. in den besten 20% aller Amateurgolfspieler) hat das vor einigen Jahren mal ausprobiert, so als Social Media Projekt. Hat seinen Job gekündigt und begonnen, Golf zu trainieren wie ein Profi das machen würde, mit dem Ziel, 10.000 Stunden Training zusammen zu bekommen und zu sehen, wie gut er werden würde. Er hat das ganze auf seiner Webseite dokumentiert (YouTube Kanäle waren da noch eher unüblich, insofern war es mehr ein klassischer Blog).


    Das ganze ist ziemlich gescheitert. weil er immer wieder verletzungsbedingt pausieren musste und auch sonst eben jede Menge alltägliches Leben um ihn herum weiter ging. Aber selbst in der ersten Zeit, wo er wirklich täglich viele Stunden investiert hat, ist er lange nicht auf dem Niveau gelandet, auf dem ein Jugendlicher, der als Kind angefangen hat, ist. Ich glaube, das ist schon so ein bisschen ein "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" Ding.


    Also, ich denke schon, wenn man wirklich hart an sich arbeitet, und sich ganz auf eine Sache fokussiert, dann kann man da in 10.000 Stunden mit Sicherheit sehr viel erreichen. Aber es wird eben immer auch diejenigen geben, die mit deutlich weniger Aufwand, einfach aufgrund von Talent und früher Förderung, noch wesentlich besser sind. Und wenn die dann auch ihre 10.000 Stunden investieren, dann sind das die, die an die Weltspitze schießen. Otto Normalbürger ist dann mit seiner in 10.000 Stunden Schweiß und Tränen erworbenen Meisterschaft in seinem unmittelbaren Umfeld ein harter Hund, aber das war's auch schon. Insofern würde ich das Versprechen, wenn du 10.000 h in was investierst, wirst du zu den Besten gehören, mit etwas Vorsicht genießen.

  • Was Capella beschreibt, ist halt der klassische Fehlschluss aus Gladwells provokanter These: Es geht nicht darum, irgendwie die 10.000h voll zu bekommen. Die Qualität des Trainings ist am Ende wichtiger! So betont es ja auch der Artikel. Deliberate Practice ist wiederum etwas, dass auch eine Außenreflektion bedarf: Sei es durch einen Lehrer oder durch Messen mit anderen. Dann muss das Gelernte immer wieder bewusst durchdrungen und geübt werden. Obwohl also die gleiche Zeit verwendet wurde, wird unterschiedlich viel aus dem Training gezogen.

    Zu Capellas Beispiel: Natürlich spielt bei körperlichen Künsten die "Haltbarkeit" des Körpers auch eine Rolle. Was als junger Mensch kaum Probleme und nur geringe Regenerationszeit erfordert, ist 20 Jahre später ggf. gleich eine Wochen lange Zwangspause...

    Koryu ist kein Selbstverwirklichungsbaukasten!

  • Ich bringe es mal für mich auf den Punkt. Qualitativ hochwertiges Üben in großer Anzahl. Ein Element alleine bringt nichts.

    Warum ?

    Der Körper braucht auch etwas um Abläufe zu verinnerlichen, das bekommt man nur durch intensivstes Üben hin.

    Allerdings sind die Übungen Murks, lernt der Körper Nonsens und man kann es sein lassen.

    NIL DESPERANDUM

  • Was Capella beschreibt, ist halt der klassische Fehlschluss aus Gladwells provokanter These: Es geht nicht darum, irgendwie die 10.000h voll zu bekommen. Die Qualität des Trainings ist am Ende wichtiger!

    Das habe ich doch auch nirgendwo bestritten. Ich ging schon von 10.000 h hochwertigem Training aus. Der Golfer aus meinem Beispiel hat sich Profi-Trainer genommen, die sonst Weltspitzengolfer trainieren. Er hat trainiert, wie ein PGA Tourpro. Aber selbst da macht es einen gewaltigen Unterschied, ob diese 10.000 h auf angeborenes Talent und den richtigen Zeitpunkt in der körperlichen Entwicklung treffen oder eben nicht. Wie gesagt, mit dem entsprechenden Einsatz wird jeder besser. Aber er wird eben auch mit 10.000 h idealen Trainings nicht automatisch "zu den Besten" gehören.

  • Das habe ich doch auch nirgendwo bestritten. Ich ging schon von 10.000 h hochwertigem Training aus. Der Golfer aus meinem Beispiel hat sich Profi-Trainer genommen, die sonst Weltspitzengolfer trainieren. Er hat trainiert, wie ein PGA Tourpro. Aber selbst da macht es einen gewaltigen Unterschied, ob diese 10.000 h auf angeborenes Talent und den richtigen Zeitpunkt in der körperlichen Entwicklung treffen oder eben nicht. Wie gesagt, mit dem entsprechenden Einsatz wird jeder besser. Aber er wird eben auch mit 10.000 h idealen Trainings nicht automatisch "zu den Besten" gehören.

    Ok, dann hatte ich Dein Beispiel missverstanden.
    Der zweite Teil ist natürlich nur allzu logisch: Wenn alle ungefähr gleich gut trainieren, differenziert sich das am Ende eben nach den anderen Faktoren aus, die jeder mitbringt. Wobei ich mich schon frage, ob er es nicht zumindest mit den Progolfern auf unterster Ebene hätte aufnehmen können. Dann hätte er ja zu "den Besten" gezählt, ohne "der Beste" zu sein. Das ist ja dann auch immer noch ein Unterschied, ab wann man "die Besten" zählt.

    Koryu ist kein Selbstverwirklichungsbaukasten!

  • Klar. Ein bisschen ist das auch ein Problem unserer Zeit, denke ich. Durch die Globalisierung und das Internet ist die Welt ja in dem Sinne "klein" geworden, dass man wirklich immer gleich im Vergleich mit der ganzen Menschheit steht. Geht man 200 Jahre oder so zurück, also sagen wir mal vor die Erfindung von Telegraph und Eisenbahn, dann hatten die meisten Menschen nur den Vergleich mit ihrem unmittelbaren Umfeld, also z.B. ihrem Dorf plus eventuell noch alle weiteren Dörfer die zum gleichen Marktflecken oder zur gleichen Grafschaft gehörten. Da war es wesentlich leichter, durch gute Leistungen in einem bestimmten Bereich aufzufallen und in irgendwas der oder die Beste zu werden. Man sieht diese Entwicklung auch, wenn man sich zum Beispiel einen Zirkus anguckt. Wenn da heute Artisten auf einem Drahtseil laufen oder am Trapez schwingen, dann nehmen wir das in der Regel mit wenig Überraschung zur Kenntnis und nicken es wahrscheinlich sogar als langweilig und schon 1000mal dagewesen ab, weil wir eben aus dem Fernsehen Nummern mit deutlich höherem Risikofaktor und Schwierigkeitslevel gewohnt sind. Was aber natürlich nichts daran ändert, dass auch die Seiltänzerin vom Familienzirkus Fratelli wahrscheinlich im Laufe ihres Lebens schon deutlich mehr als die 10.000 h Training investiert hat, um so gut zu werden, wie sie ist, und dass wir ihre Nummer selber ohne einen vergleichbaren Trainingsaufwand auch nicht nachmachen könnten.

  • Tut mir leid, aber das ist alles Laber Rhabarber für mich. Das ich viel und intensiv üben muss, um einen gewissen Grad an Fortschritt zu erreichen, dazu brauche ich keine wissenschaftliche Studien. Von nichts kommt nun mal nichts. Um letztendlich zu den Besten zu gehören, bedarf es sicherlich noch mehr als Top Trainer und Soll-Stunden. Neben Trainer und Zeit kommt es vor allem auf den Schüler an. Mann könnte es verallgemeinernd als Talent bezeichnen. Talent im Sinne der exakt passenden Mischung körperlicher und geistiger Idealvoraussetzungen für ein bestimmtes Einsatzfeld. Ein guter Trainer kann in einem bestimmten Rahmen diesbezügliche Defizite und Stärken erkennen und individuell im Training anpassen. Aber mehr geht nicht. Insofern gebe ich Capella recht: Ein Ackergaul wird nie ein Rennpferd, auch wenn man es 10.000 mal über die Piste Jagd. Sollte es das Pensum überstehen, wird es bestenfalls ein sehr schneller Ackergaul.


    In der Schulzeit standen Scouts großer Berliner Sportvereine bei meiner Tochter schlange. Sie erkannten ihr Talent im Ausdauersport. Auch Heute läuft sie aus dem Stand und fehlenden Training 3000 Meter ohne sichtlich Mühe und Anstrengung. Aber sie hatte und hat weder Ehrgeiz noch Lust drauf, sich einem regelmäßigen Training zu widmen. Trotz körperlicher Top-Voraussetzungen wäre sie auch nach 10.000 Stunden und Top Trainern nie bei den Besten, weil ihr Kopf kein Bock drauf hat.

    Dieses Phänomen gibt es auch anders herum. Da wäre der Wille, aber der Rest reicht nicht. Wieviel Kiddys wollen Fußballstars werden? Auch einer meiner Chefs spielt seit Kinderbeinen an aktiv Fußball. Wir haben beim Firmen-Berlin-Cup ein paar mal mitgemacht. Ich habe da Leute spielen sehen, da habe ich mit den Kopf geschüttelt und gemeint: das können niemals Amateure sein!

    Und hier kommt noch ein nicht genannter Fakt zum Tragen: die Leistungsdichte! Selbst wenn du schon verdammt gut bist, regelmäßig und hart trainierst, schaffen es viele nur eine sehr kurz und begrenzte Zeit und Top-Bedingungen bestenfalls in Sichtweite Besten einer beliebten Sparte zu kommen.


    Ich habe im 3D Bogenschießen an Deutschen Meisterschaften von 3 Verbänden teilgenommen. Einmal bin ich Vizemeister geworden, aber nur weil es wenige Konkurrenz gab. Stolz dagegen bin ich auf einen 4. Platz beim DBSV und einen 6 Platz beim DFBV. Ich habe dabei nie darauf hintrainiert, Deutscher Meister zu werden, sondern wollte es einfach mal "wissen". Aber das ist nichts gegen die Europameisterschaft IFAA 2018, an der ich teilnahm. Hier habe ich das erste mal Begriffen, was Leistungsdichte bedeutet. Hier waren ja fast ausschließlich top motivierte Schützen am Start. Den Spruch: "Dabeisein ist alles" kannst knicken. Jeder wollte das Beste. Ich konnte mich 2 Wettkampftage unter den besten 50 halten (von etwa 170 Starten meiner Klasse). An diesen beiden Tagen schoss ich persönliche Bestleistungen. Die Tagesbestleistung eines Top-Schützen waren 544 von 560 Ringen. Das ist einfach nur unfassbar gut.


    Ob nun oben Fußball oder bei meinem Bogensport, man muss sich hier mal den psychologischen Effekt vorstellen: man ist zwar gut, aber man wird vielleicht nie gut genug sein. Ein Punkt, wo viele früher oder später in den Sack hauen.

    Ich habe an anderer Stelle schon geschrieben, dass ich den "Selbstkampf" nicht im Kendo, sondern fast unverhofft beim Bogenschießen gefunden habe. Auf der einen Seite weiß ich das ich gut sein kann oder bin, auf der anderen Seite aber auch, dass ich mir auch richtig was vormachen kann. Das was man wirklich ist, ist nur der momentane Stand dessen, was man gerade eben zu leisten im Stande ist. Nur wenn man stets und ständig dran bleibt, und niemals die Grundlagen aus dem Augen verliert, es zu seinem "Weg" macht, den man durchaus auch immer wieder hinterfragt, dann gehört zu den Besten.

    Der Satsuma-Flüsterer

  • Interessanter wäre in dem Kontext diese Frage.

    Wie behält man sein Level bei ?

    Das was man wirklich ist, ist nur der momentane Stand dessen, was man gerade eben zu leisten im Stande ist. Nur wenn man stets und ständig dran bleibt, und niemals die Grundlagen aus dem Augen verliert, es zu seinem "Weg" macht, den man durchaus auch immer wieder hinterfragt, dann gehört zu den Besten.

    Das unterschreibe ich sofort, aber ich sehe auch Fallstricke. Eben dieses Hinterfragen, es kann leicht die eigene Motivation torpedieren. Genauso das Ranggefüge : "Die Besten" Im Sport ist es simpel, da gibt es Wettbewerbe. in anderen Sektoren gibt es die auch, aber da wird man nicht ohne Weiteres zugelassen , egal wie gut man ist. Die Bestätigung bekommt man maximal durch voll Auftragsbücher, damit endet es auch, auch wenn man durch die Hintertür noch andere Dinge zu hören bekommt. Ich kann mich noch gut an den Dewa Daijo erinnern den ich machte, da kam aus Japan ein Anruf warum das Ding zur Hölle nicht beim Polierwettbwerb ausliegt, hätte gute Chancen auf Silber oder so. Auf der einen Seite bin ich nie auf die vermessene Idee gekommen teilzunehmen und wie ich heute weis ; ich wäre eh nicht zugelassen worden. Ob sich daran viel geändert hat ? Ich befürchte beinahe nicht. Insofern ist auch "Der Beste sein" in vielen Bereichen relativ.

    Mir ist es heute fast egal. ich lerne einfach weiter, notiere alles und was dann kommt ? Keine Ahnung.

    NIL DESPERANDUM

  • Mit Hinterfragen meine die Reset-Funktion. die Fähigkeit, sich zurückzuholen, wenn man offensichtlich auf einen Tot-Weg ist. Ich sehe da keine Fallstricke. Viele halten sich für Top, merken aber nicht, dass sie in eine Sackgasse gefahren sind und verstehen die Welt nicht mehr, wenn es nicht mehr weitergeht. Oder sie denken dass sie sich bewegen, obwohl das Gegenteil der Fall ist.


    Das größte Problem ist, wenn etwas nicht klappt "wie gehabt", dass man denkt, das kann ich eigentlich, oder eigentlich noch besser, weil ich das mal oder öfter besser hinbekommen habe. Aber tatsächlich kann man es in dem Moment eben nicht! Man hat Mist gebaut. Sicherlich gibt es viele Faktoren, die ein Ergebnis beeinflussen. Aber Vorsicht vor Augenwischerei, die größte Fehlerquelle ist man immer selbst. Deswegen ist es so wichtig das Augenmerk auf die Grundlagen nicht zu verlieren. Wir "kürzen" gerne ab, und erkennen nicht sofort, wo wir falsch abgebogen sind. Wenn man stets und ständig sich selbst bei den Grundlagen kontrolliert, fällt einem der Fehler bei der Selbstreflektion viel besser auf. Sonst potenziert sich alles nur hoch und man verliert in einem Gewirr falscher Ansätze den Überblick und kommt nicht auf die Lösung.


    Wettbewerbe (sportlich gesehen) sind das eine. Ich kenne Top-Wettkampfschützen und ich kenne Top-Bogenschützen. Das sind zwei vollkommen Schuhe. Aber es gibt Ausnahmen. Brady Ellison ist bzw war einer der besten Fita-Schützen, obwohl er (glaube ich) nur 4 mal Weltmeister war (Olympisch und Feld). Bei Olympia war sein größter Erfolg 2. mit der Mannschaft, bzw. 10. im Einzel. Hört sich nicht doll an, aber es gibt wenige, die auf fester Distanz genauso gut sind wie auf wechselnder und sogar unbekannter Entfernung. Das liegt wahrscheinlich daran, weil Ellison auch Erfahrungen in der Bogenjagd hat, was in den Staaten sehr beliebt und verbreitet ist. (Bogenschieß-Idole wie Howard Hill, Fred Bear oder Byron Ferguson waren bzw. sind passionierte Bogenjäger). Er lebt also Bogenschießen auf extrem sportliche Weise, genauso wie auf extrem ursprüngliche Weise. Dazu muss man das Bogenschießen stark durchdringen und zu einem zweiten ich machen (wie gute Kampfsportler auch). Man ist nicht nur Bogenschütze, wenn man den Bogen zur Hand nimmt, sondern stets und überall. Du kannst Bogenschütze mit jedem anderem "Sein" (Musiker, Künstler, Polierer, Schwertkämpfer, Hapkido-Hansel ;-), usw.) austauschen.

    Hätte Ellison sich absolut und ausschließlich nur auf die olympischen 70 Meter und die 18 Meter der Halle fixiert, wäre er mit Sicherheit ein noch besserer olympischer Schütze geworden, aber kein besserer Bogenschütze.

    Der Satsuma-Flüsterer

  • Lassen sich diese Beispiele eigentlich auch auf andere "Erfolgsgeschichten" adaptieren? Was ist mit Fußball: Millionen Menschen in Deutschland spielen Fußball aber nur ganz wenige schaffen es tatsächlich in die Bundesliga? Was ist mit den Managern? Welche Rolle spielen Faktoren, wie z. B. Geld, Glück und Beziehungen?

    ...und wieder einen Schritt weiter :thumbup:

  • Tut mir leid, aber das ist alles Laber Rhabarber für mich. Das ich viel und intensiv üben muss, um einen gewissen Grad an Fortschritt zu erreichen, dazu brauche ich keine wissenschaftliche Studien.

    Wie ich diesen Satz hasse... "dazu brauche ich keine wissenschaftlichen Studien."
    Doch, brauchen wir. Die Nature/Nurture-Debatte ist ziemlich sicher älter als die strukturierte Psychologie. Die eine Extremposition sagt, alles ist "von Natur aus" mitgegeben, die andere Extremposition besagt, es kommt auf die "Nährung" an (bsp.: Watson 1913). Die Wissenschaft sagt uns hier zum Beispiel mehr als nur "ich muss viel üben", sie sagt eindeutig "ich muss absichtsvoll Üben". Es geht eben auch um die Qualität der Übung (dazu noch eine ganz bestimmte Qualität! Intensiv allein reicht nicht.) und nicht einfach nur um Zeit "absitzen". Die nächste Frage ist doch, ist das generalisierbar auf alle erlernbaren Fähigkeiten oder muss ich für jede Fertigkeit eine neue Gesetzmäßigkeit finden? Was ist mit den anderen intrapersonellen Faktoren? Reicht das richtige Training und ich erschaffe "den Besten"? Die Subsumierung aller noch ungeklärten intrapersonellen Faktoren als "Talent" ist auch nur einen kleinen Schritt weiter als "Gott/Die Natur war es!". Damit ist hier eine Menge an Forschung notwendig. Ja, manchmal kommt da etwas raus, was sich mit einem fröhlichen "No shit, Sherlock!" beurteilen lässt. Aber auch "Alltagswissen" muss überprüft werden. Oft genug ist das nämlich auch einfach ziemlich falsch...

    Was mir hier auch gerade auffällt, ist die Verkennung der Qualität, die die Leute erreicht haben. Im Artikel wird ja auch von den Musikern und Musiklehrern gesprochen und mit der Zwischenüberschrift erscheint es fast so, als ob die Musiklehrer als Amateure dargestellt werden... ich wage jetzt mal die Behauptung, dass der Violinen-spielende Musiklehrer trotzdem besser Violine spielt als 90 % der Bevölkerung. Und ein Konzertviolinist wird wahrscheinlich nochmal wieder besser spielen als 90% der Musiklehrer. Und unter den Konzertviolinisten werden nur wieder die obersten 10% zu herausragenden Stars... Sabiji spricht von einem Bogenschützen, der "[...] er (glaube ich) nur 4 mal Weltmeister war [...]". Dieser Mann war also zu bestimmten Zeiten der beste der Welt in der Messkategorie. Also der beste der Welt. Punkt. Der Rest ist dann nur wieder ein diskutieren, welche Messergebnisse einem nun etwas über die "wahre Qualität" des Ausübenden sagen. Dann wird es aber ohnehin schnell verdammt unscharf (bester olympischer Schütze vs. bester Bogenschütze als ein Beispiel).

    Koryu ist kein Selbstverwirklichungsbaukasten!

  • Lassen sich diese Beispiele eigentlich auch auf andere "Erfolgsgeschichten" adaptieren? Was ist mit Fußball: Millionen Menschen in Deutschland spielen Fußball aber nur ganz wenige schaffen es tatsächlich in die Bundesliga? Was ist mit den Managern? Welche Rolle spielen Faktoren, wie z. B. Geld, Glück und Beziehungen?

    Ich kenne hier ein Beispiel aus den USA mit Basketball: Einer der schlechtesten NBA-Spieler hatte sich in einem Jedermann-Duell Mehreren seiner Kritiker 1-vs.-1 gestellt. Und sie ungefähr so einfach umspielt wie die wiederum einen 5jährigen. Selbst der schlechteste Spieler der NBA spielt halt immer noch in der NBA und ist besser als 99% der Bevölkerung.

    Zum Football haben wir Statistiken vom Collegefootball, der bereits ein Millionengeschäft ist in die NFL: 1,6% der Collegeliga-Spieler kommen in die NFL (im Basketball sind es 1,2%, Baseball 9,9%; Quelle: http://www.ncaa.org/about/reso…ng-professional-athletics)

    Bei Managern ist das Problem ein anderes: Das ist keine einfach zu definierende Fertigkeit. Die Situationen sind deutlich komplexer und die notwendigen Fertigkeiten vielfältig. Eine grobe Unterteilung könnte zB. Finanz-Fertigkeiten, Soziale Fertigkeiten und Technische Fertigkeiten sein. Diese würden sich dann gegenseitig und abhängig von der Situation beeinflussen. Damit ist dann eine Frage, was muss der Manager üben, damit er besser wird? Wenn wir dann Geld und Beziehungen mit dazu nehmen, wird es schon äußerst komplex. Glück existiert nicht. ;)

    Koryu ist kein Selbstverwirklichungsbaukasten!

  • Was sage ich aber zum Beispiel einem jungen Mann, der mit 16 Jahren beschließt: "Ich will Profiboxer werden" (oder Fußballprofi oder MMA-Kämpfer oder Hollywood-Schauspieler), ohne bisher dafür besonderes Talent gezeigt zu haben? Rate ich dem: "Jo, mach mal, du musst nur 10.000 h hart (und richtig) trainieren, dann wird das schon", oder sage ich nicht doch eher sowas wie: "Mach doch lieber dein Abi und studiere Sport (oder was anderes), das ist vernünftiger und boxen kannst du dann ja in deiner Freizeit."?

  • Was sage ich aber zum Beispiel einem jungen Mann, der mit 16 Jahren beschließt: "Ich will Profiboxer werden" (oder Fußballprofi oder MMA-Kämpfer oder Hollywood-Schauspieler), ohne bisher dafür besonderes Talent gezeigt zu haben? Rate ich dem: "Jo, mach mal, du musst nur 10.000 h hart (und richtig) trainieren, dann wird das schon", oder sage ich nicht doch eher sowas wie: "Mach doch lieber dein Abi und studiere Sport (oder was anderes), das ist vernünftiger und boxen kannst du dann ja in deiner Freizeit."?

    Ich weiß, was Du meinst... allerdings: Von großen Stars - ob z. B. Musik- oder Filmgeschäft - ist /war zu hören, dass - wenn Sie auf "die Anderen" (auch die Eltern) gehört hätten - nie so weit gekommen wären. Kann es nicht sein, dass man - um gut zu werden - auch den absoluten Glauben an seine Fähigkeiten und Talente haben muss, viel Willenskraft, ein großes Selbstbewusstsein und einen gesunden Egoismus? Mal abgesehen davon glaube ich eher, dass es so manchen übertriebenen Gedanken abschreckt, wenn man mit dem 10.000-Stunden-Argument kommt?

    ...und wieder einen Schritt weiter :thumbup:

  • Ich glaube nicht, dass das abschreckt. Also, zumindest nicht am Anfang. Jetzt mal ehrlich, wenn ich für etwas brenne, dann kann ich mir doch nichts besseres vorstellen, als das jeden Tag stundenlang zu tun. Egal, ob das jetzt Klavierspielen, Fußball oder MMA-Training ist. Die Ernüchterung kommt dann eher, wenn man erkennt, was da eben noch alles so dranhängt. Also beim MMA z.B. das Gewichtmachen vor einem Kampf oder lange Ausdauerläufe oder sowas. Und wenn man eben merkt, dass man halt nicht das Genie/Supertalent ist, auf das die Welt gewartet hat, sondern trotz allem, was man schon investiert hat, nur ein kleines Licht unter vielen ist.


    Wenn jetzt jemand merkt, dass es wahrscheinlich trotz allem Trainings nur für die Ersatzbank im Regionalliga-Club Hintertupfingen reicht, oder für einen Job als Barpianist auf einem Kreuzfahrtschiff, dann werden die 10.000 h plötzlich eine Nummer. Dann muss man sich fragen: ist es mir das trotzdem wert. Wenn jemand dann trotz mangelndem Talent soviel Liebe für die Sache hat, dass er es auch dann gerne tut, wenn er eben nicht Weltspitze wird, dann lohnen sich auch mehr als 10.000 h und man ist wahrscheinlich einfach happy, dass man seiin Geld mit etwas verdienen kann, was einem so viel Spaß macht. Wenn aber die Motivation doch eher der Gedanke nach Ruhm und Ehre und die Aussicht auf einen Ferrari war, dann wird man sich eher betrogen fühlen, wenn man die Geschichte mit den 10.000 h geglaubt hat. Aber wie gesagt, das merken die meisten ja erst später. Am Anfang sollten die 10.000 h Stundenet was sein, auf das man sich wie jeck freut. Sonst fängt man wirklich besser erst gar nicht an.

  • Tai_Eule Aber nichts anderes wollte ich doch darstellen. Es wurde von Trainingssoll gesprochen, es wurde von Trainingsqualität gesprochen, mir kam schlicht der Trainierende zu kurz. Um "absichtsvoll" zu Üben muss ich begreifen, was ich da mache. Ich muss es annehmen. Sicherlich, es gibt viele ehrgeizige Eltern, die ihre Zwerge kaum das sie laufen können zum Sport puschen. Die Zwerge wissen nicht um was es geht. Die machen das was der Trainer sagt. Aber wie viele bleiben übrig für den Leistungssport und schaffen es tatsächlich nach oben - und vor allem übernehmen ihren Sport bewusst als "ihr Ding", so dass sie auch ganz von sich aus - neben Trainerorder und Trainingsplan absichtsvoll und ehrgeizig üben?

    Der Satsuma-Flüsterer

  • Capella: Vielleicht "Folge Deinem Traum aber hab einen Plan B?" Die Zahlen von Collegeliga zu Profi geben einem ja eine ungefähre Richtung... Bsp.: Fußball: 6,5 Millionen Spieler in deutschen Vereinen. Jede Profimannschaft hat irgendwas zwischen 30 und 40 Spieler. Zählen wir die erste und zweite Bundesliga zusammen, kommen wir auf 36 Mannschaften: 40 Spieler mal 36 Mannschaften sind 1440 Spieler. 1440/6.500.000*100 = 0,02%. Also 0,02% aller Vereinsspieler sind in der Bundesliga. Das ist etwa 1 von 5000.

    Und nicht vergessen: Die 10.000 Stunden sind ja auch eine im Mittel richtige Schätzung. Mancher braucht nur 5.000, mancher auch 15.000 Stunden (So erwähnt auch im Artikel).

    Koryu ist kein Selbstverwirklichungsbaukasten!

  • Mit Hinterfragen meine die Reset-Funktion. die Fähigkeit, sich zurückzuholen, wenn man offensichtlich auf einen Tot-Weg ist. Ich sehe da keine Fallstricke. Viele halten sich für Top, merken aber nicht, dass sie in eine Sackgasse gefahren sind und verstehen die Welt nicht mehr, wenn es nicht mehr weitergeht. Oder sie denken dass sie sich bewegen, obwohl das Gegenteil der Fall ist.

    Ja. Da hab ich aber einen Vorteil. ich hab ne Fastautomatik eingebaut in meinem Metier. Regelmäßig kommt was reingeflattert wo ich denke "Oh mein Gott, wie soll das denn gehen" da kann ich dann erstmal alles Revue passieren lassen was ich je angestellt habe plus neuer Ideen. Man ist also gezwungen immer wieder von Vorne zu beginnen. Da wird der Größenwahn schnell eingedampft.

    Sich bewegen, es wird schwer das nach Jahrzehnten noch selber zu beurteilen. Das einzige was ich weiß ; zufrieden bin ich mit mir eigentlich nie und je älter ich werde um so nörgliger werde ich. Also cavetre, in 20 ig Jahren nach über 50 ig Jahren bin ich ein Dauernörgel in dem Bezug.

    Aber Spaß beiseite.

    Es hat schon einen Grund warum ich das Kantei-Spielchen so gerne mitmachte hier- Es zeigte mir immer wieder Sachen auf die man doch eventuell mal wieder hohlen sollte etc.

    NIL DESPERANDUM

  • Ich weiß, was Du meinst... allerdings: Von großen Stars - ob z. B. Musik- oder Filmgeschäft - ist /war zu hören, dass - wenn Sie auf "die Anderen" (auch die Eltern) gehört hätten - nie so weit gekommen wären. Kann es nicht sein, dass man - um gut zu werden - auch den absoluten Glauben an seine Fähigkeiten und Talente haben muss, viel Willenskraft, ein großes Selbstbewusstsein und einen gesunden Egoismus? Mal abgesehen davon glaube ich eher, dass es so manchen übertriebenen Gedanken abschreckt, wenn man mit dem 10.000-Stunden-Argument kommt?

    Ohne , mit Verlaub einen gehörigen Sprung in der Schüssel gekitet mit einer Prise Fanatismus braucht man in meinem Job gar nicht erst anzufangen. Der "gesunde" Menschenverstand rät ab : kein Reichtum, keine Berühmtheit, kein Glammer, nichts, nur sehr viel Arbeit und Lernen das niemals enden wird. für einen normalen Menschen so attraktiv wie Knoblauch für Vampire. Warum lässt man sich trotzdem auf den Wahnsinn ein ? Abhängigkeit von der Schönheit der Dinge, Liebe zu den Objekten im philosophischen Sinne, aber Egoismus ; der nun gerade nicht, denn auch hier kommt sie wieder die Fliegenklatsche. Erst kommt das Schwert, dann der Schleifer. Es ist vollkommen egal was man selber schön empfindet, die Ansprüche der Klinge sind es denen man dient. Sich zurücknehmen, das ist die Kunst.

    Glauben an sich selbst : In gemäßigten Portionen ja, in der Überdosis tödlich. Ich habe so viele von sich überzeugte Spinner gesehen, kommen und wieder gehen. Die ganz großen unseres Faches sind vom stetigen Selbstzweifel geplagt.

    Bleiben noch Talent und Willenskraft, das sind die einzigen beiden Dinge die man so stehen lassen kann.

    NIL DESPERANDUM

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